Charles Bronson ist tot:Der Mann, der gegen die Zeit kämpfte

Die gnadenlose Rache, die Charles Bronson in "Ein Mann sieht rot" an denen nahm, die ihm Familie und Existenz zerstört hatten, hat ihn zum größten amerikanischen Star der Siebziger und zum meistgehassten Mann der Intellektuellen gemacht. Charles Bronson ist nach längerer Krankheit im Alter von 81 Jahren gestorben.

FRITZ GÖTTLER

"He's history ...", sagt einer der fiesen Typen, die gerade ihre Großkaliberwaffen in seine Richtung entleert haben, in einem Stakkato und einer Dichte, die keiner eigentlich überleben dürfte. Von Paul Kersey ist die Rede, dem einst großmütigen, souveränen, liberalen New Yorker Architekten, der erleben musste, wie seine Frau ermordet, seine Tochter vergewaltigt wurde, und der von da an von einem fürchterlichen "Death Wish" heimgesucht wurde. Die gnadenlose Rache, die er dann im gleichnamigen Film - deutscher Titel: "Ein Mann sieht rot" - an denen nahm, die ihm Familie und Existenz zerstört hatten, hat Charles Bronson zum größten amerikanischen Star der Siebziger und zum meistgehassten Mann der intellektuellen Kritiker gemacht. "Warum endet es, wenn ich mit dir zusammen bin, immer in Blut und Gewalt ..." fragt eine der Frauen in einem der vielen zwangsläufig folgenden Rache-Filme: "Ganz einfach, weil die ganze Stadt voller Blut und Gewalt ist. Du siehst sie nur, wenn du mit mir zusammen bist."

He's history ... Natürlich stimmt das nicht bei einem Mann wie Bronson, es hätte 1974 nicht gestimmt, beim ursprünglichen "Death Wish", und es hat 1994 nicht gestimmt, als der Satz wirklich fiel, im fünften Film der Serie, der dann der letzte Bronson-Film überhaupt sein sollte. Wie Bronson auftrat in seinen Filmen, in den Geschichten, die sie erzählten, das hatte mit Geschichte nichts zu tun, mit erlebter, erfahrener, körpernaher Geschichte. Und wenn einer stirbt wie Bronson, dann ist das, wie wenn ein Felsen plötzlich zersprengt oder ein Baum gefällt wird - eine Lücke wird schmerzlich spürbar, in einer Landschaft, in der man lange wie selbstverständlich gelebt hat.

Solche tellurischen Assoziationen - diese Vorstellung von Urgestein - hängt bei Bronson mit seiner Herkunft zusammen. Als Charles Buchinsky ist er am 3.November 1921 in Ehrenfeld, Pennsylvania, einer Bergwerkstadt, in einer litauischen Familie als elftes von fünfzehn Kindern geboren worden. Mit sechzehn ist er in die Kohlenschächte eingefahren, 1943 wurde er eingezogen zur Army, nach dem Krieg hat er sich mit einfachen Jobs in New York durchgeschlagen, vom Maurer bis zum Gelegenheitskoch. Im Jahr 1951 hat er sich für die Schauspielerei entschieden und seinen Namen in Bronson geändert - aus Sorge, ein russisch klingender Namen könnte Verdacht erregen. Und in den Fünfzigern hat er eine Reihe schöner Rollen bekommen in Hollywoods Actionfilmen, bei Robert Aldrich, Delmer Daves, Sam Fuller - eine Portion Indianerrollen war dabei, seines schon damals stoischen Gesichts wegen. Er hat aber auch, für Roger Corman, einen knochenharten Gangster gespielt - in "Machine-Gun Kelly" 1958. Eine Zeit scheint das, in der ihm ein wenig von der entbehrungsreichen, verlorenen Jugend zurückerstattet worden ist. Eine Ahnung von Solidarität und Glück haben ihm jedenfalls zwei unvergleichliche Gruppenfilme von John Sturges beschert: "Die glorreichen Sieben" und "The Great Escape".

Eine ganz andere Freundschaft hat seine Karriere dann weiterbefördert, über einen Umweg nach Europa. 1968 hat Alain Delon, von Machine-Gun Kelly begeistert, Bronson nach Frankreich geholt; gemeinsam haben sie "Adieu l'ami" gedreht, dem man bei uns den blöden Titel "Bei Bullen singen Freunde nicht" verpasste. Gleich darauf kam der Film, der ihn zur Westernlegende machte, als Rächer mit der Mundharmonika in Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod". Von nun an trug er, nicht nur bei den italienischen Fans, den Ehrennamen "Il Brutto" - der Hässliche.

Bronson wirkt seltsam deplaciert in diesem Film, bleibt auf Distanz dem Genre gegenüber, und seinem Regisseur - als wollte er seinen Stoizismus jeder Ausbeutung entziehen. Und Leone, der mit diesem Film offensichtlich weg will von den dreckigen Italowestern seiner Anfänge und seinem Helden Eastwood, visiert das Epos an, die Western-Oper. Er hat sich sehr viel stärker auf Henry Fonda, den eleganten Schurken, und Claudia Cardinale, die Hure und Rächerin, konzentriert, und Bronson zusammen mit Robards an den Rand gedrängt - wo sie wunderbare Momente von Freundschaft und Kumpanei entfalten.

Der Erfolg in Europa brachte das erneute Interesse in Hollywood, die "DeathWish"-Phase. Bronson hat die Filme selbst verachtet, aber der Ruhm erlaubte ihm, mit seiner Frau Jill Ireland gemeinsam zu spielen, bis zu ihrem Tod, und hat ihm manche Rollen bei den jungen Regisseuren eingebracht - "Hard Times" zum Beispiel von Walter Hill, ein magisches Boxer-Märchen aus der Depressionszeit, in dem er noch einmal den Jungen aus dem Kohlestädtchen zu spielen scheint.

Die Einsamkeit hielt an; er ist der Proletarier unter den Stars geblieben, der Fremde auf der anderen Seite der Gleise, wo er seinen Auftritt hatte bei Leone. "1982 schrieb ich ein Treatment für ihn", erzählt Oliver Stone, "die Rolle eines Footballspielers, der versucht, durchzuhalten. Ich weiß nicht, ob er die Gelegenheit bekam es zu lesen, aber es war eine großartige Geschichte über einen Mann, der die Zeit bekämpfte."

Am Samstag ist Charles Bronson im Alter von 81 Jahren in Los Angeles gestorben.

© SZ v. 02.09.2003
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