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Casinoplan in Spanien:Die große Pleite

In der aragonischen Steppe war ein gigantomanisches Projekt geplant, eine Art Las Vegas - nun ist daraus eine monströse Farce geworden.

Javier Cáceres

Der Digestif war noch nicht serviert, als Marcelino Iglesias, der Regierungschef der Autonomen Region Aragonien, bei einem Treffen vor Wirtschaftsführern und Journalisten in Madrid eine Frage serviert bekam, die der Verdauung nicht förderlich war. Sie troff nur so vor Spott: "Kann es sein, dass Los Monegros so etwas ist wie ein Taschenspielertrick auf Landesebene?"

Eine Simulation der Gran Scala: Bisher existiert nichts außer leerer Worte.

(Foto: Foto: dpa)

Los Monegros - das steht seit sieben Monaten für ein gigantomanisches Projekt in der aragonischen Steppe. Ende Dezember wurde es mit großem Pomp am Sitz der Landesregierung in Saragossa vorgestellt. "Das Schaufenster Aragoniens schlechthin", sollte es werden, rief damals der Sozialist Iglesias im ehrwürdigen Pignatelli-Gebäude. Ein 17 Milliarden Euro teurer Casino-Komplex namens Gran Scala sollte bis 2015 auf einem 2000 Hektar großen Gelände entstehen, mit 70 Hotels, 232 Restaurants, 500 Geschäftsräumen und fünf Themenparks. Der Vorstellung des Projekts wohnten Unternehmer ersten Ranges und Medien aus aller Welt bei.

Doch in der Zwischenzeit ist nicht nur die damals sehr überschaubare Zahl der Kritiker gewachsen, die zunächst vor allem unter Umweltschützern zu finden waren. Auch die Zweifel an der Solvenz der Betreiber nimmt zu, der mittlerweile arg obskur anmutenden Gesellschaft International Leisure Development (ILD), einem Pool diverser Investmentgruppen. In den vergangenen Wochen sind Informationen aufgetaucht, die den Leumund der ILD so arg in Zweifel ziehen, dass die Bemerkungen Iglesias', es handele sich bei dem "Projekt, das geprüft wird", um "einen interessanten Vorschlag", fast schon bemitleidenswert anmuten.

Bislang hat ILD noch nicht einen Quadratzentimeter Land gekauft. Weil die Gesellschaft womöglich darauf baute, das Land von den Behörden kostenlos zur Verfügung gestellt zu bekommen? Außerordentlich solvent wirken die Begründer der Idee vom europäischen Las Vegas jedenfalls nicht. Die ILD ist in Cardiff registriert, das Gesellschaftskapital beläuft sich auf das Minimum, das die britische Gesetzgebung fordert: 50000 Pfund. Derweil wartete die Zeitung El Periódico de Aragón am Dienstag mit der Meldung auf, der Hauptaktionär der ILD, B. M. Parts, sei "praktisch insolvent". Doch das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. So ist noch immer nicht entschieden, wo genau Gran Scala angesiedelt werden soll, obwohl das eigentlich für Januar vorgesehen war.

Stop Gran Scala

Zwischenzeitlich wurde auch ein Dossier publik, in dem zwei ILD-Gesellschafter um Investoren für einen in Serbien entwickelten "Wundermotor" warben - weil sie in einem beigefügten Video möglicherweise illegal das Logo der Regierung benützten, sind sie mittlerweile angezeigt worden. Unterdessen war ILD auch am Dienstag noch nicht dem Wunsch der Regierung in Aragonien nachgekommen, eine Bürgschaft über 20 Millionen Euro vorzulegen, um die Kritik zu besänftigen.

Eine Sprecherin der ILD sagte am Dienstagabend etwas gehetzt, diese Bürgschaft würde im Laufe der kommenden Woche hinterlegt. Bei welchem Bankinstitut oder in welchem Land könne sie noch nicht sagen. Zu den Vorwürfen in El Periódico sagte sie pauschal, sie seien "falsch" oder beruhten auf "verzerrten Darstellungen". In Details wolle sie aber nicht gehen, weil ihr diese Vorwürfe zum Teil unbekannt seien und weil sie zum Zeitpunkt des Gesprächs "in Eile" war .

Auch vor diesem Hintergrund fanden sich am Dienstag Aktivisten der Plattform "Stop Gran Scala" vor dem Regionalparlament in Saragossa zusammen und forderten lauthals die Regierung auf, sich aus dem Projekt endlich zurückzuziehen. Aus gut unterrichteten Kreisen heißt es, die Sozialisten würden das nur allzu gerne tun; zumal jetzt schon viele Augen nach Aragonien blicken. Saragossa ist ab Juni Sitz der kommenden Expo.

Wie peinlich die Angelegenheit der Regionalregierung zu sein scheint, wurde ebenfalls am Dienstag deutlich. Iglesias ging auf Tauchstation. Gleiches galt für Vizeregierungschef José Angel Biel von der aragonischen Regionalpartei PAR. Er gilt als der größte Förderer des Projekts. Gran Scala, hatte er jubiliert, sei ,,das Größte, was Aragonien seit den Tagen von Ferdinand dem Katholiken zugestoßen ist''. Womöglich handelt es sich bloß um die größte Imagepleite. Die Gegner jedenfalls haben Gran Scala längst umgetauft, orthographisch nicht ganz korrekt in Gran Stafa: der große Betrug.

© SZ vom 30.4.2008
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