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Brandenburg:Lodernde Altlasten

Feuerwehr bei der Bekämpfung eines Wald und Waldbodenbrandes nahe Treuenbrietzen in den Brandenburg

„Das hatten wir so noch nie“, sagt die Feuerwehr in Brandenburg. In der Nähe von Jüterbog ist ein riesiger Waldbrand ausgebrochen.

(Foto: R. Price/Imago/Snapshot)

In Jüterbog südlich von Berlin wütet auf einem früheren Truppenübungsplatz ein gewaltiger Waldbrand. Im Boden befindet sich massenhaft Munition - sogar noch aus der Kaiserzeit.

Während sich viele Berliner über die anhaltende Hitze freuen, sehnte sich die Feuerwehr in Brandenburg in den vergangenen Tagen vor allem nach einem: Regen. Auf einem früheren Truppenübungsplatz in Jüterbog, 60 Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze, ist das größte Feuer Brandenburgs seit der Wende ausgebrochen. Am Donnerstag rief der Landkreis Teltow-Fläming den Großschadensfall aus. Der Brand sei schwerer zu löschen als vermutet. "Das hatten wir so noch nie", sagt Kreisbrandmeister Tino Gausche. Die Flammen haben sich auf etwa 800 Hektar ausgebreitet, eine Fläche von mehr als 1000 Fußballfeldern. Für Orte in der Nähe des Feuers besteht nach Angaben der Kreisverwaltung derzeit aber keine Gefahr.

Im selben Landkreis waren im Laufe dieser Woche weitere Brände ausgebrochen, die aber wieder unter Kontrolle gebracht werden konnten. Warum brennt es gerade in dieser Region immer wieder? Mit dieser Frage setzt sich auch Carsten Leißner auseinander. Er ist Referatsleiter Wald und Forstwirtschaft im brandenburgischen Umweltministerium. Leißner nennt drei Gründe: "Wegen der kontinentalen Lage gibt es in Brandenburg vergleichsweise wenig Niederschlag." Außerdem gebe es dort wegen des Sandbodens besonders viele Kiefern, die leicht entzündbar seien. Hinzu komme: Brandenburg ist das Land mit der stärksten Kampfmittelbelastung, nirgendwo anders liegt mehr alte Munition.

Etliche Blindgänger im Boden

Der ehemalige Truppenübungsplatz nahe Jüterbog, wo es jetzt brennt, wurde von 1864 bis 1992 militärisch genutzt: Während der Kaiserzeit, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, zu DDR-Zeiten und danach wurde Munition aller Art abgefeuert. Blindgänger blieben einfach liegen, alte Kampfmittel bilden mittlerweile eine dicke Schicht im Erdboden. In den vergangenen Jahrzehnten verrotteten sie und wurden damit unberechenbar. Ein Betreten des Geländes könnte tödlich enden. Die Einsatzkräfte können sich den Flammen deshalb nur von speziell geschaffenen Wegen aus nähern, die dauernd bewässert werden.

Lassen sich Brände wie der in Jüterbog überhaupt verhindern? "Wir müssen an die Endmunitionierung ran", sagt Carsten Leßner. Das dauere allerdings Jahre. Auf einem vergleichbaren Übungsplatz in der Lieberoser Heide südlich von Frankfurt/Oder habe man einen großen Teil der Munition entfernen können. Auch dort brach am Dienstagmittag ein Feuer aus, das die Feuerwehr aber schnell eindämmen konnte. In Jüterbog ist die Lage nach wie vor ernst. Und das nicht zum ersten Mal. Arne Raue ist Bürgermeister der 12 000-Einwohner-Stadt: "Die Dimension ist kaum vorstellbar. Wir können das nicht mehr tragen und wollen es nicht mehr ertragen." Raue sieht den Bund in der Pflicht, für die Beseitigung der Munition zu sorgen und die Kosten zu tragen. In der Döberitzer Heide vor den Toren Berlins hat das die Heinz-Sielmann-Stiftung übernommen. Sie hat etwa 55 Kilometer Wanderwege von Munition geräumt und aus dem Gebiet eine Wildnis- und Naturerlebniszone gemacht. Die Kosten für die Kampfmittelbeseitigung lagen nach Angaben der Stiftung zwischen vier und acht Euro pro Quadratmeter. Auf dem Truppenübungsplatz in Jüterbog wurden auch U-Boot-Munition und Torpedos erprobt.

Ungefährlich für Anwohner

Für die Anwohner ist das Feuer den Behörden zufolge derzeit nicht gefährlich, für die Feuerwehrleute wegen der im Boden befindlichen Kampfmittel dagegen schon. "Wir wissen, dass wir alle möglichen Chemikalien in der Erde haben, wir wissen aber nicht, wie sie miteinander reagieren", sagt Bürgermeister Raue. Er fordert deshalb den Einsatz von Messtechnik, um die Sicherheit der Feuerwehrleute gewährleisten zu können. Die Einsatzkräfte sind rund um die Uhr tätig, am Donnerstagmittag waren 150 Feuerwehrleute mit etwa 25 Fahrzeugen in Jüterbog. "Wir müssen sehr, sehr wachsam sein, der böige Wind erschwert die Brandbekämpfung", sagt Kreisbrandmeister Gausche. Am Donnerstagabend setzten in der Region leichte Schauer ein, der erhoffte Dauerregen kam aber nicht. Unterstützung bekommt die Feuerwehr in Brandenburg vom Roten Kreuz und dem Technischen Hilfswerk. Auch drei Löschhubschrauber sind im Einsatz - zwei der Bundespolizei waren bereits in den vergangenen Tagen in Jüterbog. Ein dritter Hubschrauber der Bundeswehr ist seit Donnerstagmorgen dorthin beordert. Er trägt einen Löschbehälter, aus dem 5000 Liter Wasser abgelassen werden können. Der Landesfeuerwehrverband Brandenburg hat sich im Sender RBB für einen Feldversuch mit Löschflugzeugen ausgesprochen, um Brände besser bekämpfen zu können. Eine eigene Flotte an Löschflugzeugen besitzt der Bund bislang nicht, und auch kein Bundesland hat ein solches Flugzeug. Der Mangel wird bisher mit Hubschraubern von Bundespolizei und Bundeswehr kompensiert.

Im vergangenen Jahr kam es in Brandenburg immer wieder zu schlimmen Waldbränden, 2018 waren es laut Potsdamer Umweltministerium 471. Es kommt vor, dass der Rauch bis nach Berlin zieht. Am vergangenen Dienstag hat sich die Berliner Feuerwehr deshalb in einem Tweet zu Wort gemeldet: Sie wies darauf hin, dass man den Rauch auch in den westlichen Stadtteilen Berlins riechen könne. "Fenster und Türen sollte man gegebenenfalls geschlossen halten", hieß es.