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Besetztes Schulgebäude in Berlin:Kreuzberger Mächte

Sie drohen vom Dach zu springen oder das Gebäude anzuzünden: Noch immer besetzen Dutzende Menschen die ehemalige Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin. Sie wollen Asyl in Deutschland. Der Fall ist ein Politikum - und für viele Berliner ein Anlass zur Dauer-Party.

Der Laden mit den teuren Kinderschuhen in Berlin-Kreuzberg hat vorübergehend dichtgemacht. Die Rollläden sind heruntergelassen, ein Schild sagt: "Wegen Krankheit (Polizeiallergie) geschlossen." Auch sonst befindet sich das Viertel rund um die Ohlauer Straße im Ausnahmezustand, seit bald einer Woche schon. Ganze Straßenzüge sind gesperrt, ringsum stehen am Wochenende dicht an dicht die Fahrzeuge der Polizei, bis zum Paul-Lincke-Ufer mit seinen schicken Cafés und den teuren Altbauwohnungen. Polizeibeamte, wohin man schaut, an manchen Tagen sind es 900.

Von der Absperrung kann man einen Blick auf einen Zaun und das Gebäude dahinter werfen, und dieses ist der Grund für den Ausnahmezustand: die frühere Gerhart-Hauptmann-Schule, ein Backsteinbau mit einem Sportplatz und ein paar Flachbauten davor. Vor eineinhalb Jahren haben Flüchtlinge das Gebäude nach einem Protestmarsch besetzt. Geduldet von den Kreuzberger Behörden, die Schule stand leer. Im Laufe der Zeit richteten sich mehrere Hundert Flüchtlinge aus Afrika hier ein, Roma-Familien und Obdachlose aus dem Park. Was als Provisorium für den Winter gedacht war, wurde zum Problem: An der Schule gab es Gewalt, Drogen wurden gefunden, Ende April wurde ein Mann erstochen bei einem Streit um die einzige Dusche. Vergangenen Dienstag beschloss der Bezirk nun, das desolate Gebäude räumen zu lassen. Die Bewohner sollten umziehen in Unterkünfte in Charlottenburg und Spandau. Sollten: Denn zwischen vierzig und achtzig Leute haben sich in der Schule verschanzt. Sie stehen auf dem Dach, halten Transparente hoch. Auf eines ist mit blauer Schrift "Hands off" gemalt, Hände weg. Sie wollen die Schule nicht verlassen. Einige haben gedroht, vom Dach zu springen oder das Gebäude anzuzünden. Auf Fotos vom Dach sieht man Flaschen mit Lappen darin, sie sehen aus wie Molotowcocktails.

Ströbele warnt vor der gewaltsamen Räumung

Für die einen ist das Protest. Für die Aktivisten etwa, die sich neben den Absperrungen auf dem Bürgersteig eingerichtet haben. Ein Klapptisch, eine selbstgebastelte Litfaßsäule, noch mehr Transparente. An eine Hausmauer sind Zettel geklebt. "Ohlauer Infopoint" nennt sich das, auf den Zetteln steht, dass man nicht einverstanden sei mit der Politik des Senats. Über Monate haben Senat und Bezirk mit den Bewohnern der Schule verhandelt, um sie zum Gehen zu bewegen. Der grün regierte Bezirk will die Schule leer haben und zu einem legalen Flüchtlingsheim umbauen, für 70 Leute. Man stellte den Flüchtlingen Unterkünfte in Aussicht und eine Prüfung ihrer Asylverfahren. Doch die Aktivisten fordern, dass die Flüchtlinge ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland erhalten. So lange sollen sie in der Schule bleiben, so lange wollen sie selbst vor der Schule protestieren.

Für andere ist das hingegen längst Party. Von überall kommen am Wochenende Leute an die Ohlauer Straße. Sie sitzen vor den Absperrungen auf der Straße, aus Lautsprechern kommt Musik, es riecht nach Joints. Eine Gruppe Rollstuhlfahrer guckt hinüber zur Schule, sie trinken Schnaps und diskutieren über die Band "Frankie Goes to Hollywood". Eine junge Frau schiebt ihren Bugaboo-Kinderwagen am Laden mit den teuren Kinderschuhen vorbei und bleibt an der Absperrung stehen, eine Bierflasche in der Hand. Die Stimmung ist irgendetwas zwischen dem alljährlichen Kreuzberger Myfest am 1. Mai und den Momenten, wenn der Berlin-Marathon durch den Kiez läuft.

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