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Erdbeben: Augenzeugenberichte:Wie der Horror über Japan kam

"Es war einfach furchtbar": Augenzeugen schildern der SZ und anderen Medien, wie sie das Erdbeben in Japan erlebt haben - mit Helm auf dem Kopf, unter den Tischen kauernd. Viele lernten, dass es unterm Türrahmen am sichersten ist und keineswegs im Freien.

Tobias Dorfer

Japan ist vom schwersten jemals dort gemessenen Erdbeben erschüttert und anschließend von einem Tsunami heimgesucht worden. Durch das Beben der Stärke 8,8 bis 8,9 und die anschließende etwa zehn Meter hohe Flutwelle wurden Dutzende Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Von dramatischen Szenen ist in manchen Regionen die Rede - sueddeutsche.de hat Augenzeugenberichte aus Japan gesammelt.

Roland Buerk, Reporter von BBC News, in Tokio: "Als das Erdbeben ausbrach, schwankten die Gebäude in Tokio. Das Laufen fühlte sich an wie auf einem Schiff bei starkem Seegang. Menschen strömten aus ihren Büros auf die Straßen und starrten nach oben. Verletzte Menschen wurden aus einer U-Bahn-Station gebracht. Der öffentliche Verkehr in Tokio ist lahmgelegt, Fahrstühle sind in vielen Gebäuden außer Betrieb und Tausende Menschen haben sich um Bahnhöfe und auf großen Plätzen versammelt."

Raimund Wördemann, Leiter des Goethe-Instituts in Tokio, eine Stunde nach dem ersten Erdstoß: "Wir müssen hier erst einmal die Ruhe bewahren. Es gibt im Gebäude keinen absolut sicheren Raum, nur eben die Aussage, das Gebäude selbst sei besonders sicher, so dass wir hier mit Helm auf dem Kopf und teilweise unter den Tischen kauernd im Moment noch ausharren."

Oliver Reichenstein, Unternehmer aus Tokio: "Wir sind hier in Tokio ja einiges gewohnt, aber so ein kräftiges Erdbeben habe ich noch nie erlebt. Natürlich hatte ich Angst. Man denkt, das könnte es sein, das große Erdbeben, das sie hier seit Jahren erwarten. Die Japaner sind ja gut informiert, wie man sich in solchen Situationen verhalten muss. Man soll nicht rausgehen, denn es besteht die Gefahr, dass die Scheiben rausfliegen und dann gibt es auf der Straße ein großes Gemetzel. Der sicherste Ort ist in der Wohnung unter dem Türrahmen, weil der am stabilsten ist. Ich habe schnell die Computer ausgesteckt und auf den Boden gestellt. Zuerst war es schwer, Kontakt zu meiner Familie zu bekommen. SMS ging nicht, das Telefon auch nicht. Über Twitter hat es dann geklappt. Jetzt bin ich zu Hause und wir schauen alle fern und sehen, was der Tsunami angerichtet hat. Das ist teilweise echt surreal. Da liegen große Schiffe auf der Seite und Häuser und Autos schwimmen herum wie Styroporkügelchen. Einfach furchtbar. Eigentlich hätte ich in die USA nach Austin fliegen wollen, aber das geht jetzt nicht, weil die Bahnen nicht mehr fahren und der Flughafen geschlossen ist."

Tadahiro Okuda, 36, Berater aus Tokio:

"Hier ist es jetzt halb zehn Uhr am Abend und seit sechs Stunden bebt die Erde. Allerdings nimmt die Intensität der Stöße inzwischen ein wenig ab. Geschäftspartner von mir, die in der Stadt Obaida arbeiten, sahen den Rauch von brennenden Häusern. Eine Firma, für die ich früher gearbeitet habe, liegt genau im Erdbebengebiet. Im Fernsehen habe ich gesehen, dass ein Mitarbeiter dieser Firma ums Leben gekommen ist. Ich hoffe nun, dass wenigstens den Menschen, mit denen ich enger zusammengearbeitet habe, nichts passiert ist. Inzwischen funktioniert wenigstens die Handyverbindung wieder. Sonst versuche ich über E-Mail, Twitter und Facebook zu erfahren, wie es meinen Freunden und Bekannten geht. Mein Bruder arbeitet in der japanischen Zentrale von IBM. Die Firma hat viele Büros in Japan und vieles ist beschädigt, daher hat mein Bruder gerade jede Menge zu tun. Ich selbst bin sehr besorgt über den Notstand in dem Atomkraftwerk. Die nächsten drei bis vier Stunden werde ich bestimmt noch wach bleiben."

Ein Sprecher der Deutschen Bank in Tokio: "Gegen drei Uhr nachmittags hat plötzlich die Erde gebebt, was eigentlich in Japan nicht ungewöhnlich ist. Unser Büro ist in der Nähe des Gebäudes, in dem der Premierminister arbeitet. Hier gibt es diese dramatischen Bilder, die im Fernsehen zu sehen sind, nicht. Alles sieht aus wie immer. Allerdings wurden in unserem Gebäude die Aufzüge abgestellt und die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nicht mehr."

Phillip Abresch, Korrespondent der ARD in Tokio: "Man sah dann vor unserer Tür die Strommasten, die sich so sehr bewegten, wie man es vielleicht von einem Schiff von den Segelmasten auf hoher See erwarten würden. Viele Menschen sitzen fest in der Innenstadt, viele können nicht mehr zurück in ihre Wohnungen, weil S-Bahn, U-Bahn und auch die Fernverkehrszüge stillstehen. Die Menschen sind in Tokio gefangen."

Katharina, 23, Praktikantin an einer Schule, in Tokio: "Zunächst dachte ich, das ist ein ganz normales Erdbeben, denn hier in Japan wackelt es immer wieder. Doch dann wurde es immer heftiger. Selbst die Nachbeben sind stärker als alle Erdbeben, die ich hier bislang erlebt habe. In meiner Wohnung sind die Bücher aus dem Regal gefallen und ein Schrank aus Massivholz ist beinahe umgefallen. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, war da Stillstand. Die Fußgänger sind stehen geblieben, nur wenige Autos sind gefahren. Inzwischen sind die Supermärkte alle geschlossen. Die Menschen versuchen, schnell nach Hause zu kommen. Ich werde heute meine Wohnung nicht mehr verlassen."

Professor Reinhard Zöllner in Tokio in einem Interview auf ntv.de: "Die Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben oder evakuiert wurden, sind jetzt in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen zusammengezogen, sie werden dort versorgt. Es ist ja Gott sei Dank nicht mitten in der Nacht passiert. Von Aufräumen kann allerdings noch gar keine Rede sein."

Robert Pontow, 29, Mitarbeiter Goethe-Institut, in Osaka: "Wir arbeiten im 35. Stock, also fast ganz oben in unserem Gebäude. Als das Erdbeben kam, dachte ich zunächst, mir wäre einfach schwindelig. Dann aber merkte ich, dass das ganze Haus gewackelt hat und die Wände knarzten. Ich bin seit vier Jahren in Japan und habe bereits einige Erdbeben erlebt. Aber von der Stärke dieses Bebens war ich schon überrascht. Da wir in einem Gebäude mit einer Fensterfassade sind, konnten wir gut nach draußen sehen. Die Menschen auf der Straße liefen ganz normal weiter. Klar, so ein Beben spürt man in den oberen Etagen eines Hochhauses viel stärker. Die Bahn, die an unserem Haus vorbeifährt, ist weiter in Betrieb. Osaka liegt 500 Kilometer von Tokio entfernt, daher sind wir nicht so stark betroffen."

Hans-Henning Judek in Yokohama, Vertreter der Saarbrücker Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Japan: "Bei uns ist soweit alles okay, in Yokohama sind relativ wenig Schäden zu sehen. Es sind lediglich ein paar Fassaden heruntergekracht. Panik herrscht nicht, aber es geht schon an die Nieren. Es wackelt hier seit drei Stunden."

Der User "Antshu" aus Tokio auf der Website des Guardian: "Ich lebe schon seit einigen Jahren in Tokio und das ist ohne Zweifel das schlimmste Erdbeben, das ich je erlebt habe. Das Gebäude, in dem ich war, hat stark geschwankt - es war sehr beängstigend. Ich habe versucht meine Schwiegereltern anzurufen, die in Miyagi, dem Epizentrum des Bebens, leben, aber die Telefonnetze funktionieren nicht."

© fiem/dpa/sueddeutsche.de/plin
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