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Anschlag auf BVB-Bus:Nett, unauffällig, ordentlich

Die Nachbarn mochten den mutmaßlichen Bombenleger, der den Dortmund-Bus angriff.

Der mutmaßliche Täter war schnell gefasst, doch die Aufklärung des Sprengstoffanschlags auf den Teambus von Borussia Dortmund (BVB) nimmt auch nach der Festnahme des dringend Tatverdächtigen Sergej W. einige Zeit in Anspruch. Viele Details des Sprengstoffanschlags mit drei Bomben vom 11. April sind weiterhin ungeklärt, zumal sich W., anders als von einigen Medien verbreitet, bisher nicht zu der ihm vorgeworfenen Tat geäußert hat. Das hatte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, bereits am Freitagabend im ZDF-"heute journal" betont. Am Wochenende gab es in diesem Punkt keine anderslautenden Entwicklungen.

Zu weiteren offenen Fragen rund um den Verdächtigen äußerten sich BKA und Bundesanwaltschaft auch am Sonntag nicht. Beim BVB herrschten am Wochenende Empörung über die mutmaßlichen Motive W.s vor. Den bisherigen Ermittlungen zufolge hat der 28-jährige gelernte Elektriker aus Habgier gehandelt. Demnach hat er an der Börse auf Kursverluste der BVB-Aktie infolge des Anschlags spekuliert. Anhaltspunkte für Mittäter gibt es weiterhin nicht.

Derzeit versuchen die Ermittler, die Herkunft und Art des Sprengstoffs zu klären, was BKA-Präsident Münch zufolge "etwas komplexer und etwas aufwendiger" sei. Es würden Bodenproben vom Tatort untersucht. In den vergangenen Tagen gab es Spekulationen, der Sprengstoff könnte aus Bundeswehrbeständen stammen.

Nachbarn des im Jahr 2003 aus Tscheljabinsk in Russland nach Deutschland übersiedelten Mannes äußerten sich in verschiedenen Medien bestürzt. Der Hausmeister des Anwesens in Freudenstadt, wo Sergej W. offenbar bei seinen Eltern gewohnt hatte, sagte dem Schwarzwälder Boten, W. habe auf ihn stets freundlich gewirkt. Nett, unauffällig, ordentlich gekleidet, einer, "der sein Geld ehrlich verdient".

Sergej W. soll früher mit Aktien Gewinne gemacht haben

Im Mietshaus nebenan wohnten die Großeltern. Für einen jungen Mann von 28 Jahren soll W. relativ wenig Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt haben. Ein Bekannter beschrieb ihn gegenüber Spiegel online als zurückgezogen, auch auf Facebook war W. demnach kaum aktiv. Für die Tatzeit soll er sich bei seinem Arbeitgeber krankgemeldet haben. Während manche Nachbarn darüber spekulieren, dass sich W. bei Sportwetten verschuldet haben könne, sagte ein Bekannter dem Spiegel, W. habe gelegentlich darüber gesprochen, dass er mit Aktien handele. Er müsse Gewinne in der Steuererklärung angeben.

Nun werden Sergej W. versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Ihm droht damit eine lebenslange Haftstrafe. Wie viel Geld der Verdächtige mit dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus an der Börse hätte gewinnen können, blieb zunächst unklar. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft nahm er für den Kauf der Derivate einen Verbraucherkredit in Höhe von 40 000 Euro auf. Den Kauf wickelte er kurz vor dem Anschlag über den Internetanschluss des Hotels ab, in dem er ebenso wie die Mannschaft des BVB abgestiegen war. Sicher ist zudem: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre W.s Gewinn ausgefallen. Bei dem Anschlag auf den Bus, der mit der Mannschaft auf dem Weg zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco war, wurde der Abwehrspieler Marc Bartra schwer verletzt.

© SZ vom 24.04.2017 / SZ

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