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Angebliche Mengele-Experimente:Rätselhafte Zwillinge

Warum gibt es so viele Zwillinge im Dorf Cândido Godói? Ein Autor berichtet von angeblichen Versuchen des KZ-Arztes Mengele in Brasilien.

Peter Burghardt, Buenos Aires

Von den Grimms ist auch die Rede in der seltsamen Geschichte dieses brasilianischen Dorfes, das klingt gleich märchenhaft. Es sind allerdings vor allem blonde Schwestern wie Tatiane und Fabiane Grimm, die Cândido Godói zum internationalen Studienobjekt machen und Reporter in Brasiliens Süden treiben. Die Grimms sind Zwillinge - 38 der 80 Familien in einem Teil der Gemeinde im Bundesstaat Rio Grande do Sul haben Zwillinge hervorgebracht.

Josef Mengele alias Wolfgang Gerhard auf einer undatierten Aufnahme.

(Foto: Foto: AP)

Normalerweise kommen bei ungefähr jeder 80. bis 100. Geburt Zwillinge zur Welt - in dieser Gegend war es bei jeder fünften so. "Cândido Godói, Stadt der Obstgärten, Heimat der Zwillinge", steht am Ortseingang. Es gibt auch jedes zweite Jahr ein "Fest der Zwillinge", bei dem allerlei ähnliche Gesichter zu bewundern sind. Woher kommen die alle?

Zunächst ist Cândido Godói, 500 Kilometer nordwestlich von Porto Alegre gelegen, wie andere Städte der Gegend von deutschen Einwanderern geprägt. Daher die vielen hellen Haare und blauen Augen. 90 Prozent der 7000 Einwohner sind deutschen Ursprungs, ansonsten ist dies eine gewöhnliche Landwirtschaftsregion mit Sojafeldern.

Eigentümliche Wirkungen

Im Viertel Sao Pedro indes endete auf sechs Quadratkilometern jede zehnte Schwangerschaft mit Zwillingen wie den Grimms, das gilt als weltrekordverdächtig. Wissenschaftler und Journalisten untersuchen das Phänomen seit vielen Jahren, fanden aber abgesehen von der einsamen Lage vieler Bauern keine rechte Erklärung. Manche glauben an eine eigentümliche Wirkung der örtlichen Mineralquelle. Andere, da wird es dann noch schräger, verweisen auf einen früheren Besucher aus Alemanhia: Josef Mengele.

Der sadistische KZ-Arzt soll Cândido Godói 1963 mit dem Decknamen Rudolph Weiss heimgesucht haben. Er war damals auf der Flucht, 1979 wurde seine mutmaßliche Leiche an einem Strand im Norden von São Paulo gefunden. Von Mengele alias Weiss heißt es, er habe sich als Veterinär ausgegeben und Kühe von Tuberkulose geheilt. Dann sei er auch bei Menschen tätig geworden. Der Kriegsverbrecher habe Frauen Blut abgenommen und ihnen merkwürdige Medikamente verabreicht.

Keine schlechte Werbung

Der Argentinier Jorge Camarasa stellt in seinem Buch "Mengele, der Todesengel in Südamerika" eine Verbindung von Zwillingsboom und geheimen Laborversuchen her. Mengele sei mit seinem Arierwahn in einem Ort gewesen, an dem nachher auffällig viele teutonische Zwillinge geboren wurden. Das könne kein Zufall sein, glaubt Camarasa. Über Nazis gibt es gerade in Argentinien wilde Theorien, nach einer starb Hitler in Patagonien. Auch Cândido Godóis früherer Bürgermeister und Arzt Anencir Flores hält die Mengele-These für plausibel. Die meisten Leute jedoch sind belustigt bis entsetzt.

Über Mengele werde spekuliert, "um Bücher zu verkaufen", spottet Stadthistoriker Paulo Sauthier in der New York Times. Genetiker wiesen darauf hin, dass in dem wundersamen Ort schon in den dreißiger und auch in den neunziger Jahren viele Zwillinge das Licht erblickt hätten, lange vor und nach Mengele. Vielleicht wegen Isolierung und Inzucht. Auch sei der Schlächter ja wohl kein Forscher.

"Das ist respektlos", ereiferte sich Sauthier in O Globo. "Wir Zwillinge geben niemals zu, dass wir das Ergebnis einer genetischen Manipulation eines kriminellen Nazis sind."

Immerhin ist das Rätsel keine schlechte Werbung. Beim letzten Zwillingsfest wurde ein Zwillingsdenkmal aufgestellt und eine Fruchtbarkeitsquelle installiert.

© SZ vom 26.02.2009/grc
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