Amoklauf Winnenden "Ein Dominoeffekt"

"Aus Gekränktheit zieht er andere mit ins Unglück": Der Kinder- und Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder erklärt, was Amokläufer motiviert - und welche Jugendlichen anfällig sind.

Interview: Sarina Pfauth

Franz Joseph Freisleder ist Ärztlicher Direktor der größten Kinder- und Jugendpsychiatrie Deutschlands, den Heckscher-Kliniken in München.

Eine Patronenhülse des Amokschützen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, 2002.

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Herr Freisleder, am Mittwoch ging zuerst die Nachricht vom Amoklauf in Alabama um die Welt. Hat sich der Täter aus Winnenden ein Beispiel genommen?

Franz Joseph Freisleder: Das wäre denkbar. Wenn der Täter von dem Vorfall in Alabama erfahren hat, halte ich es für möglich, dass dies der letzte Auslöser war. Man weiß aus anderen Amok-Taten, dass sie gehäuft stattfinden. Nicht unbedingt so dicht aufeinander wie in diesem Fall, aber so ein Ereignis kann dazu beitragen, dass später ein anderer Täter ähnlich agiert. Es gibt einen Dominoeffekt.

sueddeutsche.de: Warum sind Menschen zu so einer Tat fähig?

Freisleder: Es ist sehr schwer, Amokläufe zu rekonstruieren, weil sich der Täter bei einem klassischen Amoklauf am Ende umbringt. Alles ist nur über Außenstehende aufzurollen. Aber die Motivation scheint meist zu sein: "Ich will endlich mal etwas ganz Großes machen - etwas, das niemand mehr vergisst. Ich will es einmal allen zeigen!".

sueddeutsche.de: Was bringt jemanden dazu, so zu denken?

Freisleder: In Amokläufern kommen zwei Stimmungsströmungen zusammen: Ein immenser Hass und Aggressivität verbinden sich mit Depressivität, Selbsthass und Kontaktstörungen. Da gibt es manchmal gewisse Parallelen zu einem Suizid. Auch Selbstmörder haben oft aggressive Phantasien, ein Amokläufer lebt sie aber aus. Aus seinem Unglück und seiner Gekränktheit heraus zieht er andere mit ins Unglück und zeigt der Welt, dass er doch etwas zustande bringt. Er fühlt sich allmächtig.

sueddeutsche.de: Gibt es einen typischen Ablauf von Amoktaten?

Freisleder: Eine klassischer Amoktat sieht so aus: Der Täter hat Hassgefühle auf andere. Dahinter stecken oft tatsächliche oder vermeintliche Kränkungen und ungelöste Konflikte. Er geht los und bringt die verhassten Menschen um, dann setzt er seinem Leben selbst ein Ende. Er setzt dem ganzen einen i-Punkt auf.

sueddeutsche.de: Der Täter von Winnenden war erst 17 Jahre alt. Auffallend häufig sind Amokläufer noch Schüler. Wie erklären Sie sich, dass dieses Phänomen vor allem unter Jugendlichen aufzutreten scheint?

Freisleder: Zwischen 15 und 21 Jahren sind einige Jugendliche in einer sehr problematischen Phase. Vieles verändert sich. Die Stimmung ist labiler und schwankender als bei Erwachsenen. In dieser Entwicklungszeit spielt auch das Regulieren von aggressiven Impulsen eine besonders große Rolle.

sueddeutsche.de: Wer ist besonders anfällig?

Freisleder: Besonders gefährdet sind Jugendliche, die schlechten Kontakt zu ihren Eltern haben und auch nicht fest in einen Freundeskreis eingebunden sind. Beim Amokläufer von Erfurt hatte die Familie beispielsweise gar nicht mitbekommen, dass er in der Schule gescheitert war. Die Täter denken, dass niemand sich für sie interessiert, sie fühlen sich oft verkannt und benachteiligt, über längere Zeit stauen sich Aggressionen auf.

sueddeutsche.de: Warum sind es vor allem junge Männer, die wahllos um sich schießen?

Freisleder: Amoklauf ist die schwerste Form eines Gewaltdeliks, und junge Männer sind am meisten dazu prädestiniert, Aggressionsdelikte zu begehen. Dafür gibt es neurobiologische Vorraussetzungen, zum Beispiel den höheren Testosteronspiegel, aber auch soziologische Gründe - ein Mann löst im subjektiven Rollenverständnis Probleme häufig mit Gewalt und kämpft für seine Ziele.

sueddeutsche.de: Nach Amokläufen stellt sich später häufig heraus, dass die Täter einen Großteil ihrer Zeit mit sogenannten Killerspielen verbracht haben. Gibt es einen Zusammenhang?

Freisleder: Die Hemmschwelle bei zu Aggressionen neigenden Jugendlichen ist noch niedriger, wenn sie Gewaltphantasien in Computerspielen ausgelebt haben. Sie haben virtuell schon eingeübt, was sich im Amoklauf realisiert.

sueddeutsche.de: Killerspiele gehören zum Alltag. Müssen wir uns Gedanken um die Jugend insgesamt machen?

Freisleder: Es führt nie nur ein Faktor zum Amoklauf. Es sind bestimmte Konstellationen, oft ist der Jugendliche introvertiert und voller Aggressionen, die er nicht abreagieren kann. Ganz gefährlich ist die Verfügbarkeit von Waffen. Hätten die Eltern des Täters nur Küchenmesser zu Hause, hätte er niemals so etwas anrichten können. Für gefährdete Jugendliche ist es ein Hochrisikofaktor, wenn sie wissen, dass der Vater ein Gewehr im Schrank hat. Sie denken: Wenn ich das rausnehme, dann könnte ich es allen zeigen. Er geht vielleicht hundert Mal am Schrank vorbei und spielt das in der Phantasie durch, was er damit machen könnte und in welche mächtige Position er sich bringen könnte. Und dann tut er es.

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