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Amoklauf von Kauhajoki:Die Chronik einer angekündigten Tat

Ein Amoklauf schockiert Finnland: Die Polizei hatte den jungen Mann schon länger beobachtet, ihm aber dann doch nicht die Waffe abgenommen. Nun sind elf Menschen tot.

Ein Amokläufer hat am Dienstagmorgen im finnischen Ort Kauhajoki zehn Menschen getötet und mehrere Menschen verletzt. Der Täter Matti S. war nach Medienberichten gegen elf Uhr Ortszeit in eine Berufsschule eingedrungen und hatte dort mit einer Schusswaffe wahllos um sich gefeuert. Schließlich schoss er sich selbst in den Kopf. Der 22-Jährige erlag am Dienstagnachmittag seinen schweren Verletzungen.

Reuters

Amokschütze von Kauhajoki: Martialische Selbstinszenierung.

(Foto: Foto: Reuters)

Videos im Netz

IInnenministerin Anne Holmlund zufolge war Matti S. den Behörden bereits vor dem Amoklauf aufgefallen, weil er verdächtige Videos im Internet veröffentlicht hatte. Die Polizei hatte ihn erst einen Tag vor der Tat zum Verhör einbestellt, ihn dann aber wieder laufen gelassen. Es ist bereits der zweite Schulamoklauf innerhalb eines Jahres in Finnland. Am 7. November 2007 hatte der 18-jährige Schüler Pekka-Eric Auvinen im Schulzentrum Jokela bei Helsinki acht Menschen und anschließend sich selbst getötet.

In der Berufsschule von Kauhajoki werden unter anderem Köche, Reiseverkehrskaufleute und Pflegepersonal ausgebildet. Am Dienstag befanden sich nach Angaben der Schulleitung etwa 150 bis 200 Menschen in der Einrichtung.

Augenzeugen berichteten, die Schießerei habe eine Panik ausgelöst. Schüler seien blutüberströmt aus dem Gebäude geflohen, aus dem Keller seien immer wieder Schüsse zu hören gewesen. Jukka Forsberg, ein Mitarbeiter der Schule, sagte einem dpa-Bericht zufolge: "Ich sah durch ein Fenster in den Unterrichtsraum, wie er Schüsse abfeuerte. Danach bin ich im Zickzack vor ihm geflüchtet. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe."

Der Attentäter hatte mehr als eine Stunde lang wild um sich geschossen. An mehreren Stellen im Schulhaus brachen Brände aus. Dichter Rauch behinderte Polizei und Rettungsdienste und erschwerte die Suche nach den Opfern. Die Feuerwehr benötigte mehrere Stunden, um die Brände unter Kontrolle zu bringen. Die Polizei beorderte eine Anti-Terror-Einheit zum Schulgebäude. Es kursierten auch Gerüchte, denen zufolge der Täter Sprengstoff in der Schule versteckt habe. Diese blieben jedoch unbestätigt. Tapio Varmola, Rektor der Berufsschule, sagte der Zeitung Hufvudstadsbladet, die Schießerei habe in einem Klassenzimmer im Keller begonnen, in dem gerade ein Test geschrieben wurde. Etwa 20 Schüler sollen sich in dem Raum befunden haben. Der Attentäter besuchte nach Angaben des Rektors selbst die Berufsschule.

Ein Verhör ohne Folgen

Matti Juhani S. soll in den vergangenen Monaten im Internet Videos von sich veröffentlicht haben, die ihn bei Schießübungen mit seiner deutschen Kleinkaliberpistole vom Typ Walther P22 zeigen. Kurz vor der Tat kündigte er in einem Online-Forum ein "Kauhajoki School Massacre" an. Im Internet benutzte Matti S. oft das Pseudonym wumpscut86, das er vermutlich aus dem Namen einer deutschen Hard-Rock-Band und seinem Geburtsjahr zusammensetzte. Auf einer Webseite beschrieb er sich selbst als Fan von harter Rockmusik und Horrorvideos, als wichtigste Interessen gab er Sex, Computer, Waffen und Bier an.

Die Polizei bestätigte zunächst nicht, dass zwischen den Internet-Videos und dem Amoklauf ein Zusammenhang besteht. Erst am Dienstagnachmittag sagte Innenministerin Anne Holmlund bei einer Pressekonferenz in Helsinki, der Amokläufer von Kauhajoki sei der Polizei wegen seiner verdächtigen Aktivitäten im Internet bereits bekannt gewesen. Und dann erklärte sie eben auch, dass der zuständige Kommissar den 22-Jährigen danach einem Verhör wieder frei gelassen hatte. Auch habe der Polizist nach dem Gespräch keinerlei Anlass gesehen, die Schusswaffe des Schülers zu beschlagnahmen. Der Amokläufer verfügte seit August über einen Waffenschein für eine Kleinkaliberpistole.

Auch beim Massaker von Jokela im vergangenen Jahr hatte der Amokläufer vor seiner Tat Filme veröffentlicht, in denen er unter anderem mit Schusswaffen posierte. Diesmal reagierte Youtube äußerst schnell, bereits eine Stunde nach dem Attentat von Kauhajoki war das Konto des mutmaßlichen Amokläufers gesperrt und seine Filme waren nicht mehr abrufbar.

Die Bluttat sorgte im ganzen Land für Bestürzung. Die Regierung trat zu einer Sondersitzung zusammen und beorderte Staatstrauer. Die Flaggen hängen seit Dienstagnachmittag in ganz Finnland auf Halbmast. Sozialministerin Paula Risikko reiste noch am Dienstag nach Kauhajoki. Ministerpräsident Matti Vanhanen sprach bei einer Pressekonferenz den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und sicherte Betreuung der Betroffenen durch spezielle Kriseninterventions-Teams zu.

Die getöteten Schüler kamen aus unterschiedlichen Orten Finnlands. Viele waren nur der Ausbildung wegen nach Kauhajoki gezogen. Kirchen im ganzen Land öffneten am Dienstagabend spontan ihre Pforten für Andacht und Gebet.

Finnland unter Schock

Der Amoklauf von Kauhajoki