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Alligator aus dem Baggersee:Ungeheuer von Loch Sommer

Ein Besuch bei Kaiman Sammy, der vor 15 Jahren auftauchte.

Christoph Hickmann

Es muss Instinkt sein, vielleicht ist es auch Gewohnheit, jedenfalls tut Sammy beim Anblick seiner Besucher, was er schon vor ziemlich genau 15 Jahren getan hat, wenn man ihm zu nahe kam: Er taucht ab. Vor 15 Jahren war das ein Problem, weil der damals noch nicht einmal halbwüchsige Brillenkaiman da gerade seinem Besitzer ausgebüxt war, fortan den Nievenheimer Baggersee bei Dormagen erkundete und sich auch nicht davon beirren ließ, dass ihm die Polizei mit Jagdgewehren zu Leibe rückte. Mittlerweile hat das Abtauchen keinen großen Effekt mehr, weil Sammy, zuzurechnen der Familie der Alligatoren, in einem arg seichten Becken vor sich hindümpelt. Man fragt sich, ob er dort manchmal an seine große Zeit denkt.

Sammy ist mittlerweile zu einem prächtigen Brillenkaiman geworden.

(Foto: Foto: dpa)

Wohl eher nicht, und vielleicht ist das auch besser so. Sammy könnte sonst ein wenig traurig werden in seinem Becken in Friedberg-Ockstadt, Wetteraukreis, Hessen. Es war ja nicht so, dass man ihm nur böse wollte damals. Gut, man fürchtete sich vor ihm, man sperrte den Baggersee, während in den Medien die Angaben zu seiner Länge variierten und er mal 70, mal 80 Zentimeter, dann wieder einen Meter und mehr maß.

Sammy hat viele Verehrer

Auf der anderen Seite aber wuchs die Gemeinde seiner Verehrer, und vor allem hatte Sammy im Sommer 1994 die volle, tagelang größtenteils ungeteilte Aufmerksamkeit der Medien. Er war und ist die Mutter aller deutschen Sommerloch-Erscheinungen, jener Spezies also, die durch ihr bloßes Auftauchen die in den Ferien Daheimgebliebenen kurzzeitig vom Schicksal des Daheimgebliebenseins ablenkt. Von vielen seiner Nachfolger aber, etwa dem sogenannten Rheinkrokodil, einem auf den Namen "Neckar-Nessie" getauften Python oder dem "Killerwels" Kuno, unterscheidet sich Sammy dadurch, dass seine Existenz zweifelsfrei belegt ist.

Schließlich holte ihn am Ende ja doch noch ein Taucher aus dem See, lebendig. Zurück zu seinem Besitzer durfte er nicht, stattdessen ging es über Umwege in den Tierpark Falkenstein, Vogtland, wo er derart wuchs und gedieh, dass man im Fall eines neuerlichen Entweichens über die Sache mit den Jagdgewehren noch einmal anders hätte nachdenken müssen. Im Vogtland machte man sich daher langsam Sorgen, weshalb Sammy, inzwischen um die 1,50 Meter lang, nun in Friedberg-Ockstadt lebt, genauer: auf der "Alligator-Action-Farm".

Das mit der Action scheint sich bloß unter den dort in diversen Tümpeln und Becken dümpelnden Krokodilen noch nicht herumgesprochen zu haben. Jedenfalls ist der einzige Bewohner, der sich an diesem Nachmittag nennenswert bewegt, eine ebenso laut wie ausdauernd mit einer erstaunlich gelassenen Artgenossin kopulierende männliche Sporenschildkröte.

Alligator hinter Glas - Das Ende einer Medienkarriere

So können also große Medienkarrieren enden. In einem eher trüben Becken, hinter Glas und mit einem Holzsteg, auf dem man sich als Brillenkaiman stundenweise sonnen könnte, befände sich über dem Steg nicht noch die Decke eines ehemaligen Gewächshauses. Aber warum, denkt man sich, sollte es so einem Kaiman, dessen größte Leistung das Ausbüxen war, so viel anders ergehen als seinen menschlichen Epigonen, die mal eine CD besungen, sich ausgezogen oder jemand Bekanntes geheiratet haben und am Ende beim "Perfekten Promi Dinner" landen.

Dann vielleicht doch lieber die Alligatorfarm. Da hat man wenigstens die Gesellschaft des dicken Hannibal im Tümpel nebenan, den seine Vorbesitzer mit deutlich zu viel Schweinefleisch gefüttert haben. Oder von Mama, die eigentlich sehr friedlich ist, ihrer Schwester Mama II aber ein halbes Bein abgebissen hat. Es ging um ein Männchen.

Im Frühjahr wollte René Renz, Besitzer der Farm, Sammy einer Besuchergruppe vorführen und ärgerte ihn ein bisschen. Sammy, so erzählt es Herr Renz, schnappte zu, erwischte ihn aber nicht richtig. Herr Renz hat jetzt eine Narbe an der Hand. Und Sammy hatte sie noch mal. Die volle, fast ungeteilte Aufmerksamkeit.

© SZ vom 21.07.2009

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