Lebensmittelskandal Ministerium räumt ein: Dioxin-Fleisch womöglich im Handel

Inzwischen sind auch die Behörden auf dem neuesten Stand: Mit Dioxin verseuchtes Schweinefleisch aus Niedersachsen ist womöglich in den Handel gelangt, bestätigte nun das Agrarministerium.

Die niedersächsischen Behörden nehmen nach dem Fund von Dioxin in Schweinefleisch die Verkaufswege verdächtiger Lieferungen unter die Lupe. "Es besteht gute Hoffnung, dass ein Großteil noch in einem Kühlhaus ist", sagte der Sprecher des Agrarministeriums in Hannover, Gert Hahne. Die Behörden prüften, ob möglicherweise mit Dioxin belastetes Schweinefleisch in den Handel gelangt sei.

Bei einer Schweinemastanlage in Niedersachsen ist mit Dioxin belastetes Fleisch festgestellt worden - möglicherweise gelangte dies auch in den Handel.

(Foto: dpa)

Am Dienstag war bekannt geworden, dass nach Eiern und Hähnchenfleisch auch vergiftetes Schweinefleisch gefunden wurde. Auf einem Hof in Niedersachsen war der Dioxin-Grenzwert bei einer Probeschlachtung um die Hälfte überschritten worden.

Zunächst hatte es jedoch widersprüchliche Angaben zu möglichen Gefahren für die Verbraucher gegeben. Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke hatte Dioxin-Fleisch im Handel ausgeschlossen. Ministeriumssprecher Hahne sagte nun dazu, Ripke sei noch nicht auf dem neuesten Stand des zuständigen Kreis-Veterinärs in Verden gewesen.

Die unzulässigen Dioxin-Belastungen waren bei einer Probeschlachtung im Landkreis Verden festgestellt wurden. Deshalb sollen nun 140 Schweine getötet und entsorgt werden. Zuvor war Dioxin lediglich in Eiern und Hühnerfleisch entdeckt worden.

Das Dioxin gelangte über den Futterfett-Hersteller Harles & Jentzsch in Schleswig-Holstein in den Lebensmittelkreislauf. Vorsorglich war für Tausende Höfe eine Handelssperre verhängt worden. Diese wurde für die meisten Betriebe inzwischen wieder aufgehoben.

Für Schleswig-Holstein schließt das Landwirtschaftsministerium nach bisherigem Stand aus, dass mit Dioxin belastetes Schweinefleisch in den Handel gelangt ist. "Wir haben keine Hinweise darauf", sagte Ministeriumssprecher Christian Seyfert.

Wegen des Dioxin-Skandals hat China die Einfuhr von Schweinefleisch und Eiprodukten aus Deutschland ausgesetzt. Das Verbot sei am 11. Januar in Kraft getreten, hieß es auf der Internetseite der Behörde für Lebensmittelsicherheit. Ladungen, die sich bereits im Land befänden, würden auf Dioxin untersucht. Auch Südkorea hat Einfuhrbeschränkungen verhängt.

Aigner fordert Haftung der Hersteller

Unterdessen weist Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) Kritik an ihrem Krisenmanagement zurück: Der Vorwurf mangelnder Entschlossenheit sei abwegig, sagte Aigner der Berliner Zeitung. "Ich habe erste Initiativen vorgestellt, mich eng mit EU-Kommissar Dalli abgestimmt, am Montag die Spitzen der Verbände nach Berlin geladen, gestern meine Pläne mit dem Bundestagsausschuss erörtert", verteidigte sich die Ministerin. "Kommende Woche treffen sich auf meine Veranlassung die Verbraucherschutz- und Agrarminister in Berlin."

Die Ministerin versicherte, der Dioxin-Fall werde nicht ohne Konsequenzen bleiben. Die Schuldigen müssten mit aller Härte haften, sagte die CSU-Politikerin im ZDF-Morgenmagazin. "Das ist kein Kavaliersdelikt. Das ist ein echter Skandal, was hier vorgefallen ist."

Die gesamte Futtermittelkette müsse den Prüfstand gestellt und die Kontrollmechanismen müssten verbessert werden. "Wir müssen die Systematik der Kontrollen prüfen und uns fragen, wie wir die Kontrollen, auch die staatlichen Kontrollen, weiter verbessern können", sagte Aigner.

Außerdem fordere sie mehr Transparenz und bessere Informationen für die Verbraucher. "Die Länder haben heute schon die Möglichkeit, Namen und Nummern belasteter Produkte im Internet zu veröffentlichen, reagierten aber eher zögerlich. Das ist noch verbesserungsfähig", sagte Aigner. Die CSU-Politikerin forderte, die Länder sollten ihre Kontrollen am Risiko ausrichten. "Sie müssen am Anfang der Lebensmittelkette - also bereits bei den Zutaten für die Futtermittel - genauer hinschauen", sagte Aigner der Welt. "Je sensibler der Herstellungsprozess, desto intensiver muss kontrolliert werden."

Systematisch verseuchtes Tierfutter hergestellt

Die Ministerin forderte, auch die Futtermittelindustrie müsse mehr Verantwortung übernehmen. "Es ist völlig skrupellos, belastetes Material unter Futtermittel zu mischen. Und wer als Hersteller auffällige Testergebnisse vor den Behörden verschweigt, macht sich strafbar", sagte sie.

Nach Erkenntnissen des schleswig-holsteiner Landwirtschaftsministeriums hat der Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch, der den aktuellen Skandal ausgelöst hat, auch an seinem Firmensitz in Uetersen systematisch über längere Zeit mit Dioxin belastetes Futterfett hergestellt und ausgeliefert. Diese Fette seien aber wesentlich weniger belastet gewesen als die Ware aus dem illegalen Mischwerk der Firma im niedersächsischen Bösel, sagte ein Sprecher dem Westfalen-Blatt.

Nach Angaben des Ministeriums stehe außerdem fest, dass das Unternehmen bereits seit März 2010 giftiges Futterfett an Mischfutterhändler verkauft hat. Dazu gebe es belastbare Proben aus den Monaten März, Mai und September. Dies seien deutliche Hinweise, dass längere Zeit systematisch belastetes Futterfett hergestellt und verkauft wurde, berichtet das Blatt weiter. Diese Rechtsverstöße seien nicht zufällig, sondern mit Wissen der Unternehmensleitung erfolgt. Harles und Jentzsch werde daher in den nächsten Jahren keine Zulassung als Futtermittelhersteller mehr bekommen, sagte der Sprecher.