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Afrika:Schönheit ist Kopfsache

Ihre Frisur ist Frauen im Kongo heilig. Lieber hungern sie, nehmen juckende Kopfhaut und ätzende chemischen Mittel in Kauf, als auf den Besuch beim Friseur zu verzichten. Denn es geht um mehr als nur um Stil.

Unordnung ist super", schwärmt Aline Murairi. Die Frisur, die Frauen im Ostkongo "Désordre" nennen, ist gerade der letzte Schrei in der Millionenstadt Goma. Die Unordnung auf dem Kopf, sie verlangt Opfer, doch Kongolesinnen tun alles für schöne Haare. "Stimmt die Frisur, stimmt dein Leben", sagt Friseurin Murairi. Sie thront auf einem Lederhocker im Salon "La Fidélité". Zwischen ihren Knien sitzt eine Kundin, die gerade ein Bündel Kunsthaar zerfasert und Murairi Strähne um Strähne reicht. Die Friseurin flechtet daraus Zöpfe und knüpft das künstliche in das natürliche Haar ihrer Kundin. Wichtig dabei: Die Zöpfe müssen in einem wilden Durcheinander über den Kopf verteilt werden. Désordre, eben. Und: Sie müssen straff sitzen. Sehr, sehr straff.

Vier Stunden lang wird Murairi flechten. Am Ende trägt ihre Kundin 50 künstliche Zöpfe auf dem Kopf. Die ersten zwei Nächte wird die Dame nicht schlafen können. "Am Anfang zieht es, wie wenn dich jemand an den Haaren reißt. Nach ein paar Tagen lockern sich die Zöpfe, dann geht es", sagt Gisèle Bagheni. Die Journalistin ist an diesem Morgen in den Salon gekommen, weil auch sie Zöpfe haben will. Sie verzieht das Gesicht und sagt: "Klar, das wird wieder bitter in der Nacht. Aber das ist besser als mein hässliches Kraushaar."

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Die Zöpfe aus Kunsthaar werden straff an das natürliche Haar angeflochten, sehr, sehr straff.

(Foto: Sia Kambou/AFP)

Einen ganzen Monatslohn für die Frisur - und dann juckt die Kopfhaut auch noch höllisch

Zwei Monate lang wird Bagheni die Frisur aus Kunsthaar behalten - und zu den körperlichen Schmerzen kommt noch das finanzielle Opfer. 40 Dollar bezahlt sie für ihre Frisur, einen gesamten Monatslohn. Ihren Kopf mit den künstlichen Zöpfen kann die Radiofrau nicht waschen. Sonst würden die Strähnen zerzaust. "Die Haut fängt an zu jucken. Das macht dich manchmal wahnsinnig", sagt sie. Gelegentlich kratzen sich Frauen blutig.

Da drängt sich eine Frage auf: Wozu das Ganze? Die schmerzhaften Frisuren sind das kleinere Übel. Die Frauen würden noch mehr leiden, wenn sie ihr Kringelhaar behielten, sagt die Friseurin Murairi. Die steifen, gekrausten Haare verfilzen über Nacht. "Versuche das zu kämmen am Morgen, auah!", stöhnt sie.

"Die meisten von uns träumen von Haaren, wie sie die Weißen haben", sagt die Grundschullehrerin Sarah Mutesi. Millionen Afrikanerinnen, nicht nur im Kongo, verstecken ihr Haar unter künstlichen Strähnen oder versuchen, mit chemischen Substanzen ihre Krause zu glätten. Ob das der Gesundheit schadet, ist umstritten und wird mancherorts heftig diskutiert. Aber bitte schön, schlecht für die Gesundheit? Vielleicht. Lehrerin Mutesi im Kongo schert das nicht. "Aber auf alle Fälle gut für die Schönheit", sagt sie mit einem Lächeln. Manchmal brenne das Mittel auf der Haut. Manchmal brächen die Haare ab. Man müsse jedenfalls zu einem Friseur gehen, der sein Handwerk versteht. "Er liest den Beipackzettel des Mittels", versichert die 24 Jahre alte Lehrerin. Dann klappe das.

Das schmerzt, doch viele Frauen in Afrika nehmen das in Kauf, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen.

(Foto: Alamy/mauritius images)

"Eine Frau muss schön und ordentlich sein, pflichtet ihre Kollegin Lune Amnazo bei. Und Schönheit bedeute für eine Kongolesin zu allererst eine tolle Frisur. Amnazo geht jeden Samstag zum Coiffeur. "Ich fühle mich danach gut und stark." Mit Frauen, die sich das nicht leisten können, hat sie Mitleid. "Nachbarinnen und Verwandte müssen sich gegenseitig Zöpfe flechten."

Im Ostkongo lebt die große Mehrheit der Menschen in bitterer Armut. Ausgaben für Schönheit provozieren deshalb oft Krach in der Familie. "Manche verzichten für ihre Frisur sogar aufs Essen", sagt Martine Jados. Die belgisch-kongolesische Friseurin hat in Goma lange Zeit einen Salon betrieben. Selbst wenn wieder einmal Milizen die Stadt bedrohten, seien die Friseurstuben voll gewesen. Auch wenn es um Leben und Tod geht, scheint Kongolesinnen vor allem zu sorgen, ob ihre Frisur sitzt.

Strafzettel nehmen die Frauen sowieso in Kauf, um ihr Haar zu schützen. Seit einiger Zeit besteht in Goma Helmpflicht für Fahrer und Kunden der Motorrad-Taxen. Sie sind das wichtigste Verkehrsmittel in der Stadt. Die Frauen drapieren den Helm aber nur zuoberst auf ihrer Frisur und das auch nur, wenn die Polizei in der Nähe ist.

Die Weißen laufen schon sehr salopp herum. Wissen die nicht, was Schönheit ist?

"Wir rennen lieber Frisuren und Kleidern hinterher, als an die Zukunft zu denken", klagt Joseph Nzabandora Ndi Mubanzi, Professor für Soziologie an der Universität Goma. Frauen wie Männer wollten ständig zeigen, dass sie "etwas hermachen, mehr haben als der Nachbar". Nzabandora attestiert seinen Landsleuten einen "Minderwertigkeitskomplex, den sie überspielen wollen". Das mag eine Folge der Kolonialzeit sein. Jetzt, nach 56 Jahren Unabhängigkeit, scheint sich etwas zu ändern. Lehrerin Mutesi pflegt seit einiger Zeit ihr natürliches Haar mit Olivenöl und bindet es zu einem Pferdeschwanz. Sie ist nun stolz auf ihre Krause, zumal der Naturschopf praktisch ist. Er ist billiger als Kunsthaar, und sie muss nicht mehr stundenlang beim Friseur sitzen.

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Im Ostkongo lebt die große Mehrheit der Menschen in bitterer Armut. Auf eine schöne Frisur wollen viele Kongolesinnen trotzdem nicht verzichten.

(Foto: Michael Kappeler/AFP)

Mutesi steht für ein wachsendes Selbstbewusstsein der Afrikanerinnen. "Nappys", natural and happy, nennen sich diese Frauen in den USA. Mehr und mehr Afrikanerinnen folgen dem Trend. Als natürlich Glückliche verrät Mutesi auch, wie sie über Europäerinnen denkt. Im Vergleich zu Afrikanerinnen liefen viele Weiße doch sehr salopp herum. Und das, wo sie fließendes Wasser, Shampoo und Geld hätten. "Wissen die nicht, was schön ist?", fragt sie. "Oder haben die keine Zeit?"

© SZ vom 27.09.2016
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