100 Jahre KaDeWe - ein Portrait Kriegers Spielzeug

Als Jürgen Krieger vor mehr als 50 Jahren im KaDeWe anfing, wurde das Spielzeug noch über die Theke verkauft. Dann sorgte er für eine kleine Revolution. Andere zertrampelten später seine Polizeiautos.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Der erste Tag im KaDeWe. Hauptportal. Jürgen Krieger, damals Anfang 30, sieht den Kronleuchter in der Haupthalle, die große Freitreppe aus Holz, hört das schwere Parkett knarren unter den Füßen hunderter Kunden. "Das war schon ein Gefühl...," sagt er. Ihm fehlen noch heute die Worte.

Jürgen Krieger

(Foto: Foto: Denkler)

1965 war das, die Wirtschaft fing gerade an sich zu wundern, was alles möglich ist. Krieger beginnt im KaDeWe als Leiter der Spielzeugabteilung, für 900 Mark im Monat.

Bis dahin hat er eine steile Karriere hingelegt. Sein erstes Verkäufergehalt 15 Jahre zuvor lag bei 75 Mark. "Da war die Leistungszulage schon drin", sagt er und lacht. 36 Jahre würde er hier bleiben - mit einer längeren Unterbrechung.

Krieger wollte damals eigentlich bald zurück nach Hamburg, in seine Heimatstadt. Er hatte sich mit guten Verkaufszahlen bei Hertie in Neukölln empfohlen und eine Berlinerin zur Frau genommen. Dann kam das Angebot, ins KaDeWe zu wechseln.

Ins KaDeWe! Deutschlands erste Kaufhaus-Adresse. "Da wollte jeder hin", sagt Krieger. Im Krieg 1943 zerstört, wurde das KaDeWe bald nach dem Krieg wieder aufgebaut. In den Notzeiten der Nachkriegsjahre deckte es die Grundbedürfnisse der Menschen. Mit dem Wachstum kehrte der Luxus zurück.

Krieger, 72 Jahre alt, sitzt im Dachrestaurant, das die berühmte Schlemmermeile des KaDeWe krönt. Unter seinen wuschligen Augenbrauen blinzeln die erfahrenen Augen eines Verkäufers hervor. Sein Jackett, lila kariert, passt erstaunlich gut zur neuen Inneneinrichtung des Restaurants. Komplett umgebaut haben sie das Haus zum 100-jährigen Geburtstag, der am 27. März gefeiert wird. Das Restaurant strahlt jetzt in lila-schwarz. Und wo früher seine Spielzeugabteilung war, werden heute Damenmieder verkauft.

Kriegers kleine Revolution

Es war alles noch anders, als er hier anfing. Da standen die Verkäuferinnen im blauen KaDeWe-Kittel hinter einer Theke. Hatte der Kunde einen Wunsch, etwa ein Blechauto von Schuko für den Kleinen oder die Käthe-Kruse-Puppe für die Schwester, dann griffen sie hinter sich in die Regale, holten fünf oder sechs Blechautos hervor und erklärten Stück für Stück die Besonderheiten eines jeden Spielgerätes.

Krieger schaffte die Theke bald ab. Die Kunden sollten selbst die Ware begutachten und auswählen können. Eine kleine Revolution. Das KaDeWe war immer schon Vorreiter, nicht Nachahmer. Ein Grund, warum dem Haus der beste Ruf vorauseilt.

Das wusste auch Krieger, als er noch Einkäufer bei Karstadt in Emden war. "Da habe ich auf den Messen immer gesehen, wie sie zusammensitzen, der Einkäufer aus München, der aus Frankfurt und der vom KaDeWe. Da ist man mit Hochachtung dran vorbeigegangen und hat sich kaum getraut, die mal anzusprechen." Plötzlich war er es, der mit den Einkäufern aus München und Hamburg zusammenhockte und Muster-Spielzeug begutachtete.

Abteilungsleiter wie es sie im KaDeWe bis heute gibt, sind in ganz Deutschland kaum zu finden. Sie sind Verkäufer und Einkäufer zugleich. Was in ihren Regalen liegt, bestimmen sie und nicht die ferne Zentrale. Auf den Messen wurde er nicht nur deswegen hofiert. Jeder wollte mit seinen Waren ins KaDeWe. Das war, das ist wie ein Qualitätssiegel.

Erst gab es kein Spielzeug, dann war er zu alt

Ausgerechnet Spielzeug. War gar nicht sein Fall. Als Kriegskind gab es kein Spielzeug. Als es Spielzeug gab, war er dafür zu alt. Mit 15 Jahren wollte Krieger in Hamburg in einem kleinen Krämerladen anfangen. Die Mutter war dagegen. "Die sagte, da bist Du doch nur Laufbursche", und ist mit ihm zu Karstadt in die Mönckebergstraße gefahren.

Zwei Stellen waren noch frei: Haushaltswaren und Spielzeug. Der Personalchef riet ihm zum Spielzeug. Da gäbe es weniger Konkurrenz und bessere Aufstiegschancen. Krieger machte fortan in Spielzeug und Karriere.

Das ist nicht immer lustig. Als die Mauer fiel, da strömten am Tag danach so viele Menschen aus dem Ost-Teil der Stadt in den sagenumwobenen Konsumtempel, dass der Verkauf eingestellt werden musste. Krieger spürte "dass das für die Kinder nicht einfach war". Sie waren plötzlich in dieser Zauberwelt, haben gestaunt und geguckt. Aber Krieger wusste wie es jenseits der Grenze aussah, dass es das alles gar nicht gab.

Die Groschen noch warm

Das Kind als Kunde, das ist sowieso was ganz Besonderes, sagt Krieger. "Wenn ein Junge in die Abteilung kommt, rumsucht, die Hand aufmacht und ein paar Groschen auf die Theke packt. Das ist noch ganz warm, das Geld, solange hat er es mit sich rumgeschleppt. Und dann fragt, was bekomm ich für die fünf Groschen, das sind so Dinge, da muss man mit umgehen können, als Verkäufer."

Spielzeug ist nicht nur eine Ware. Es hat einen pädagogischen Wert, sagt Krieger. Es klingt wie eine Predigt, als er fortfährt: "Ein Bauklotz, ein einfacher Bauklotz! Das kann man beobachten, wie die Kinder was aufbauen und merken, es kippt um. Versuchen es aber immer wieder. Oder Spiele. Einfache Brettspiele. Das können diese Videospiele nicht schaffen, was ein Brettspiel schafft." Es muss an Leuten wie Krieger liegen, dass es im KaDeWe bis heute kein Kriegsspielzeug gibt.

Besondere Mitarbeiter für besondere Kunden

Es sind besondere Mitarbeiter im KaDeWe. Die besten Kräfte aus anderen Häusern. Für eine besondere Kundschaft. "Bei uns will kein Kunde in der Schlange stehen und warten. Jeder Mitarbeiter muss jeden Tag daran arbeiten, den guten Ruf dieses Hauses zu erhalten", sagt Krieger. Es gibt es keine schwierigen Kunden. Es gibt nur schwierige Mitarbeiter.

Nein, stimmt nicht ganz. Es war zu den Zeiten der Studentenproteste in den 1968er Jahren: Im Erdgeschoss wurden an einem Tag alle Schaufenster eingeworfen. Eine Horde Linker stürmte die Spielzeugabteilung des KaDeWe im dritten Stock, Kriegers Spielzeugabteilung: "Die haben alles, was ein Polizeiauto war, alles, was einen Mercedesstern hatte, aus den Regalen gerissen und mit den Füßen zertrampelt. Und dann waren die wieder weg." Die 68er sind Geschichte. Das KaDeWe hat Geschichte.

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