Zehn Jahre nach der Euro-Einführung:Generation D-Mark

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Vor zehn Jahren kam der Euro - und die vertraute Währung D-Mark verschwand. Doch noch immer wechseln im Münchner Sitz der Bundesbank viele Menschen ihr altes Geld gegen aktuelles. Allein im Jahr 2011 wurden hier zehn Millionen Mark umgetauscht.

Sebastian Krass

Wann und wo das Malheur passiert ist, das kann oder will Ronald Rieke nicht sagen. Seit 40 Jahren lebt der US-Amerikaner in Deutschland. Da sind ihm einige D-Mark-Scheine durch die Hände gegangen. Einer ist ihm geblieben, genau genommen ein halber 50-Mark-Schein. Ganz genau genommen etwas weniger als ein halber. Und das ist das Problem, wie ihm die freundliche Dame hinter dem Schalter erklärt: Man könne beschädigte Scheine nur umtauschen, wenn mehr als die Hälfte geblieben ist. Das Feuerchen hat ein paar Quadratzentimeter zu viel verschlungen.

Zehn Jahre nach der Euro-Einführung: Weil das Feuer ein paar Quadratzentimeter zu viel verschlang, hat Ronald Riekes alter Geldschein keinen Wert mehr.

Weil das Feuer ein paar Quadratzentimeter zu viel verschlang, hat Ronald Riekes alter Geldschein keinen Wert mehr.

(Foto: Robert Haas)

"Wer hat sich denn so eine dumme Regel ausgedacht?", ruft Rieke und zeigt auf die unversehrte Seriennummer der Geldnote. Doch schnell findet er sich mit der Ausweglosigkeit der Lage ab. "Ich hatte nur ein bisschen gehofft, dass es klappt", sagt er. Nun kann er immerhin ein Souvenir für sich behalten - und womöglich die Erinnerung an jenen Moment, als sich gut die Hälfte einer Banknote und damit deren gesamter Wert in Rauch auflöste.

Rieke ist einer der täglich 50 bis 60 Menschen, die auch zehn Jahre nach Ende der D-Mark in den Münchner Sitz der Bundesbank kommen, um altes Geld gegen aktuelles zu tauschen. Im Jahr 2011 sind in der Leopoldstraße 234 zehn Millionen Mark umgetauscht worden.

Die größte Einzelsumme waren 79 000 Mark. Was sich bescheiden ausnimmt im Vergleich zu den 13,3 Milliarden Mark, die noch irgendwo stecken oder auf ewig verlorengegangen sind. Ronald Rieke hat einen eher speziellen Feuerschaden erlitten. Deutlich mehr Geld ist in der Müllverbrennung gelandet, etwa weil Oma es vor Urzeiten in eine Gardine oder einen Matratzenbezug eingenäht hatte, für den Notfall, der dann doch nie kam.

Ein guter Teil der Umtausch-Kundschaft sind jene Menschen, die ein Geldversteck noch rechtzeitig entdecken. Sven Lilienthal, Mitarbeiter am Münchner Sitz der Bundesbank, erinnert sich an einen Kunden, der 5000 Mark für einen Urlaub zurückgelegt hatte, sinnigerweise gleich an Ort und Stelle im Skianzug. Dort blieb die Rücklage für viele Jahre, bis eines Tages daraus 2556 Euro wurden.

"Beim Aufräumen? Ich auch."

Der Kurs ist natürlich seit zehn Jahren unverändert, die Bundesbank tauscht D-Mark ohne zeitliche Begrenzung um. "Aber wir rechnen nicht damit, dass noch allzu viel zurückkommt", sagt Lilienthal. Auffällig sei, dass deutlich mehr D-Mark übrig sind als Franc, Lire oder Schilling. Das dürfte auch daran liegen, dass die Mark in Teilen Osteuropas als Zweitwährung etabliert war.

Bei Stjepan Gacik sind es 120 Mark, die er kürzlich "beim Aufräumen unter einem Schrank" fand. Als er das erzählt, dreht sich eine Frau, die weiter vorn in der Schlange steht, um. Sie hält ihre Scheine hoch und sagt strahlend: "Beim Aufräumen? Ich auch." Gacik sieht keinen Grund, sich zu freuen. "Früher habe ich größere Summen umgetauscht." Außerdem werde man bald wieder hier stehen: "Wenn der Euro weg ist und die neue Mark kommt."

Für viele Menschen ist der Umtausch von Mark in Euro ein geschäftsmäßiger Akt, etwa für den Mitarbeiter eines Münzhändlers. "Ich bin zweimal im Monat hier", sagt er. Aber auch Privatleute stimmt das Jubiläum der Euro-Einführung nicht allzu froh. Christina Eurich hat ein paar Kilo Pfennige mitgebracht (im Wert von 54,84 Euro, wie sich später herausstellen wird) - und dazu eine Portion Kulturpessimismus. Der Euro ist für sie die treibende Kraft einer gesellschaftlichen Entwicklung hin zu "mehr Unsicherheit für die Mittelschicht". Aber D-Mark-Nostalgie könne man sich nicht leisten. "Denn es geht nicht zurück, sondern immer schneller vorwärts."

Wie es weitergeht mit dem Euro und der Krise, weiß so recht niemand. Aber eines scheint sicher nach einem Vormittag im Schalterraum der Bundesbank: Für den Euro machen sich die Deutschen offenbar nicht mehr die Mühe, Verstecke in Gardinen oder Matratzen einzunähen.

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