Tölzer Prügel:Veganes Futter für die Katz

Menschen, die auf alles verzichten, was vom Tier kommt, entwickeln zuweilen einen direkt missionarischen Eifer

Von INGRID HÜGENELL

In Bad Tölz hat am Montagabend eine Veranstaltung für vegane Ernährung begonnen. Die "vegane Auszeit" heißt "Tölzer Veg", dauert bis 9. Mai und wird als Gesundheitsangebot verkauft. Sie soll aber vor allem eine neue Kundengruppe in die Kurstadt ziehen. Die beruhigende Nachricht gleich vorweg: Brita Hohenreiter, die Tölzer Kur- und Tourismusdirektorin, schreibt in ihrem Vorwort ausdrücklich, jeder dürfe weiterhin Fleisch essen. Das ist nett und man ist erleichtert. Gleichzeitig solle man aber auch die Menschen respektieren, die auf tierische Produkte verzichten, appelliert sie an die Tölzer.

Wahr gesprochen. Doch die Zeiten, als man Vegetariern Geflügel als Alternative anbot, weil das ja kein "richtiges" Fleisch ist, sind schon eine Weile vorbei. Und auch in Bayern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Leberkäse sehr wohl Fleisch enthält. Der überzeugte Schweinsbraten-Verzehrer wird kaum den Veganer überzeugen wollen. Umgekehrt ist das eher zu befürchten. Denn viele Veganer legen beträchtlichen missionarischen Eifer an den Tag. Es gibt bestimmt welche, die einfach aus ethischen Gründen auf alle tierische Produkte verzichten und sich dabei wohlfühlen. Viele aber verfolgen den veganen Lebensstil mit geradezu religiöser Inbrunst. Die ernähren gerne auch Hund und Katze ohne tierische Futtermittel. Das zeugt von wenig Verständnis für die Biologie der armen Fleischfresser und kann als Tierquälerei durchgehen.

Richtiggehend gefährlich wird es, wenn schwangere oder stillende Frauen komplett auf vegane Ernährung setzen oder kleine Kinder so aufgezogen werden. Mangelernährung muss man dann mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten vorbeugen. Gesund ist das sicher nicht. Darüber sollten die Tölzer Tourismusmanager vielleicht noch mal nachdenken. Andererseits bringen die immer mehr werdenden Lifestyle-Veganer natürlich gutes Geld auch in die Tölzer Kassen. Überhaupt ist der Markt inzwischen so groß, dass man sich schon fragen kann, wer eigentlich daran verdient, dass die Nachfrage nach nachgemachten Hähnchenschenkeln und veganem Dünger weiter angeheizt wird. Die Sojaproduzenten werden darüber sicher nicht traurig sein. Und auch Surdham Göb, der als "charismatisch" angekündigte Kochbuchautor, verkauft sich wohl ganz gut.

Für alle anderen gilt: Ja, Obst und Gemüse sind gesund, aber Eier, Milch und Fleisch in Maßen eben auch. Oder, wie die Familie sagt, die zur Gemüsepfanne schon gerne Hackfleisch und geriebenen Parmesan hat: 60 Prozent vegan sind genug.

© SZ vom 14.04.2015
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