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Online-Premiere:"Wunder. Einfach Wunder"

KZ-Häftlinge spiegeln sich in einer Pfütze. Eine nachgestellte Szene aus Max Kronawitters Film "Als das Grauen vor die Haustür kam".

(Foto: Ikarus-Film/OH)

Abba Naor und andere Zeitzeugen berichten in Max Kronawitters neuer Dokumentation vom Dachauer Todesmarsch

Von Stephanie Schwaderer, Eurasburg/Wolfratshausen

Bestürzung und Dankbarkeit, das sind die beiden Gefühle, die sich nach der Online-Premiere von "Als das Grauen vor die Haustür kam" im Chat Bahn brechen. "Vielen Dank, dass Sie diesen Film gemacht haben", heißt es in den Nachrichten, die auf dem Bildschirm auftauchen; immer wieder fallen die Worte "berührend", "beeindruckend", "wichtig". Eine Frau schreibt: "Ich bin Jahrgang 1964 und habe nichts davon gewusst!" Ein Mann wendet sich mit der Frage an Max Kronawitter: "Haben Sie etwas gefunden für die Kinder von Tätern?" Der Dachauer Todesmarsch, das spiegelt sich in diesen Reaktionen, liegt einerseits so weit zurück, dass er in Vergessenheit zu geraten droht, und zugleich ist er zum Fürchten nahe.

Der Eurasburger Regisseur Max Kronawitter hat sich auf die Suche nach den letzten Zeitzeugen gemacht. Die 90-minütige Dokumentation, die er mit seiner kleinen Produktionsfirma realisiert hat, versteht er als "Beitrag zur Erinnerungskultur". Das Interesse am Thema ist groß. "Bei 500 Anmeldungen mussten wir den Raum schließen", sagt Kronawitter zu Beginn der Online-Premiere. Zu den Ehrengästen gehören an diesem Abend Abba Naor, Überlebender des Todesmarsches und tragender Protagonist der Dokumentation, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sowie Hubertus von Pilgrim, Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale.

Ausgangspunkt für Kronawitters Recherchen war Eurasburg, wo er seit 20 Jahren mit seiner Familie lebt. In unmittelbarer Nähe der Gemeinde spielten sich Ende April 1945 infernalische Szenen ab. In einem Waldstück bei Achmühle nächtigten Tausende KZ-Häftlinge auf dem nassen Waldboden. Manche verhungerten. Manche erfroren. Manche wurden erschossen. Und einige "zertrampelten sich" gegenseitig beim Kampf um ein bisschen Brot und Milch und ein paar Eimer Kartoffeln. So hat es der Bolzwanger Bauer Moritz Sappl zu Protokoll gegeben, mit dessen Sohn Kronawitter in jenem Waldstück noch einmal unterwegs war.

Hans Fischhaber, der ehemalige Bürgermeister von Eurasburg, hat nach eigenen Worten noch das Klappern der Holzpantinen im Ohr. Als Bub stand er mit seiner Großmutter am Fenster, als die Elendsgestalten vorbeigetrieben wurden. Ein SS-Mann habe einen zusammengebrochenen Häftling mit dem Gewehr traktiert, erzählt er. Da sei die Oma dazwischengegangen. "Schämst du dich gar nicht", habe sie gerufen. Mit dieser Szene rehabilitiert Kronawitter ein Stück weit die Gemeinde, die sich Ende der Achtziger Jahre, als es um das Aufstellen der Mahnmale ging, nicht eben mir Ruhm bekleckert hat.

Die widersprüchlichen Gefühle, die der Häftlingszug bei der Bevölkerung vor 76 Jahren auslöste, schildert ein Beuerberger. In Angst und Schrecken hätten die "geisterhaften Gestalten" das Dorf versetzt, erinnert er sich, und die Furcht steht ihm noch einmal ins Gesicht geschrieben. Sein Gedanke damals: "Wenn die über uns herfallen!"

Dass heute anders über den Todesmarsch gedacht und gesprochen wird als noch vor 30 Jahren ist Menschen wie dem Geretsrieder Andreas Wagner zu verdanken, der 1995 die erste und noch immer umfassendste Dokumentation zum Dachauer Todesmarsch vorgelegt hat. Ihn würdigt Kronawitter in seinem Film ebenso wie den Gautinger Altbürgermeister Ekkehard Knobloch, Initiator der Wegstrecken-Mahnmale, oder den ehemaligen Israel-Korrespondenten Friedrich Schreiber, der im Würmtal Gedenkmärsche initiiert hat. Mit Begeisterung erzählt Schreiber von der Einweihung des Pilgrim-Mahnmals in Yad Vashem. Noch nie habe er so viele Überlebende gesehen, sagt er mit glühenden Wangen und glänzenden Augen. "Das war mein schönster Tag in Israel - mit Juden, die in meiner Heimat leiden mussten."

Für den Erinnerungsort Badehaus in Waldram, der in der Dokumentation ebenfalls beleuchtet wird, hat Kronawitter ein 30-minütiges Extrakt zusammengeschnitten, in dem es vor allem um die Geschehnisse in und um Wolfratshausen geht. Eingebettet ist der Film in eindringliche Musik für Klarinette (Peter F. Schneider) und Klavier (Susanne Pausch), darunter ein Rezital, das Schneider extra für das Badehaus komponiert hat, und eine Vertonung des Psalms "Des Menschen Tage sind wie Gras". Zudem gibt es zwei Interviews mit Kronawitter und Ekkehard Knobloch zu sehen.

Die ersten und letzten Worte gebühren in beiden Filmfassungen Abba Naor, der das Unfassbare mit erstaunlich einfachen Sätzen einfängt. Auch er habe sich gefragt, wie sie es damals geschafft hätten, Schritt für Schritt weiterzugehen, noch einmal einen Fuß vor den anderen zu setzen, barfuß im Schnee. Wie sie den Weg bewältigten, vorbei an Königsdorf und Bad Tölz und weiter nach Waakirchen. "Wie haben sie es ausgehalten?" Seine Antwort: "Wunder. Einfach Wunder. Menschen wollten nicht sterben."

Zusatztermin für die Online-Präsentation der Dokumentation "Als das Grauen vor die Haustür kam" am Donnerstag, 29. April, 19.30 Uhr, Anmeldung unter kronawitter@ikarus-film.de, die DVD kostet 17,90 Euro und ist erhältlich unter ikarus-film.de. Die Badehaus-Fassung mit Musik und Interviews ist über die Webseite erinnerungsort-badehaus.de abrufbar, Spenden sind erwünscht

© SZ vom 27.04.2021
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