Neonazi-Gruppe "Jagdstaffel":Rechts, gewaltbereit, aus Geretsried

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Ihr Auftritt ist martialisch, ihre Gesinnung rechts und eines ihrer Mitglieder ein verurteilter Neonazi: Vor fast einem Jahr wurde in Geretsried die Neonazi-Kameradschaft "Jagdstaffel" gegründet. Mittlerweile beobachtet sie der Verfassungsschutz.

F. Obermaier

Schwarze Lederwesten, Springerstiefel, in den Händen Schlagstöcke und Axtstiele - so posieren die sechs Männer für ein Gruppenfoto. Es sind Mitglieder der "Jagdstaffel Süd", auch bekannt als "Jagdstaffel D.S.T.". Das bayerische Innenministerium schätzt sie als gewaltbereit ein, belangen konnten Polizei und Verfassungsschutz die rund zehn Männer noch nicht. Mehrere Fotos, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, belegen jedoch, dass die "Jagdstaffel" dem verbotenen Blood-and-Honour-Netzwerk nahesteht.

Neonazi-Demonstration + Gegendemonstration am Isarplatz

Vor fast einem Jahr wurde in Geretsried die Neonazi-Kameradschaft "Jagdstaffel" gegründet.

(Foto: SZ-Archiv)

Auf dem einen Bild stehen zwei "Jagdstaffel"-Mitglieder, die Bierdose in der rechten Hand, die linke in der Hosentasche, vor einem Blood-and-Honour-Banner. Es zu zeigen ist in Deutschland verboten, das Bild wurde wahrscheinlich in Slowenien aufgenommen.

Ein anderes Foto zeigt einen Mann mit schwarzer Baseball-Kappe, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Support 28" trägt. Die Zahl steht für den zweiten und achten Buchstaben des Alphabets, B und H also: Es ist die Abkürzung für "Blood&Honour".

Den Träger des T-Shirts nennen seine Neonazi-Kameraden "BBQ". Er heißt Dominik B. und ist ein großer Fan von Waldameisen. So jedenfalls hatte er es vor Gericht behauptet. Der gelernte Koch hatte 2005 zugegeben, dem Münchner Rechtsterroristen Martin Wiese eine Kalaschnikow mit zwei vollen Magazinen besorgt zu haben. Wiese wurde später wegen eines geplanten Anschlags auf das Jüdische Gemeindezentrum in München verurteilt. Dominik B. kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Die Richter glaubten ihm, dass er der Neonaziszene abgeschworen habe und sich der Natur widmen wolle.

Gegründet im Lokal Tennessees

"Eine Gruppe mit einem Terroristen als Mitglied, die für paramilitärische Übungen nach Tschechien fährt und Blood-and-Honour nahesteht", beschreibt Robert Andreasch von der Antifaschistischen Informations- und Dokumentationsstelle München (Aida) die "Jagdstaffel". Er beobachtet die Kameradschaft bereits seit fast einem Jahr, die Blood-and-Honour-Fotos hat er zusammengetragen.

Gegründet, so vermutet das bayerische Innenministerium, wurde die Neonazi-Kameradschaft am 31. Dezember 2009 in dem Geretsrieder Lokal Tennessees. Das Gebäude - ein grauer Betonbau im Industriegebiet in der Breslauer Straße - steht noch, doch das Tennessees gibt es nicht mehr. Bereits Mitte Januar 2010 feierte die "Jagdstaffel" Abschied von ihrer Stammkneipe, die Gaststätte schloss wenig später.

"Lederjacke, Bomberjacke, kahl rasiert, Springerstiefel, so sahen die aus", beschreibt Patrick Brieul die Männer. Dort, wo sich früher die "Jagdstaffel" betrank, betreibt seine Frau Daniela seit Kurzem eine Diskothek. Bereits beim Probelauf für die offizielle Eröffnung standen mehrere Rechtsradikale vor der Tür. "Sie haben aber keinen Zutritt bekommen", versichert der 47-jährige Brieul.

Die Jacken der Männer zierte das Logo der "Jagdstaffel": Eine Flak, die bei Wehrmachtssoldaten unter dem Namen "Acht-Achter" bekannt war - es ist mal wieder das rechtsradikale Spiel mit der Zahlensymbolik. Denn in der Szene steht die Zahl 88 für "HH" und damit den Nazi-Gruß "Heil Hitler".

Fotos zeigen viele "Jagdstaffel"-Mitglieder mit Glatzen, einer trägt "NewBalance"-Schuhe (die Aufschrift "N" interpretierten Rechtsextreme als Abkürzung für "Nazi" oder "Nationalist"), ein anderer Springerstiefel, weiß geschnürt - es sind die heimlichen Insignien der rechtsextremen Szene, verboten sind sie nicht.

Dennoch hat die "Jagdstaffel" viele der Bilder mittlerweile von ihrer Homepage gelöscht. Gegenseitig nennen sich die Männer "Skelletor", "BBQ", "InTyrannos" oder etwa "Saccara". Sie preisen sich im Internet als "sehr selektive Bruderschaft" und posieren mit Skinheads der Münchner Kameradschaft "Kraken" vor einem Panzer. Der Betreiber der "Jagdstaffel"-Webseite nennt sich Billy L., angeblich wohnhaft in Crystal Lake im US-Bundesstaat Illinois. Er verantwortet auch den Internet-Auftritt der rechtsradikalen "Nationalen Solidarität Bayern". Das Motto der Gruppe ist: "Nationaler Sozialismus - jetzt!!!".

Wortkarg im Dart-Club

In der rechten Szene sind die Kuttenträger der "Jagdstaffel D.S.T." schnell bekannt geworden. Sie liefen heuer bundesweit bei Neonazi-Aufmärschen mit: Im Februar in Dresden, im Mai in Fürstenried und zuletzt im November in München. Das Kürzel "D.S.T." im Namen der Gruppe steht für "Deutsch.Stolz.Treu" - und ist vermutlich eine Anspielung auf eine gleichnamige Berliner Naziband. Die meisten Texte der Gruppe stehen auf dem Index - sie strotzen vor Brutalität, Antisemitismus und Fremdenhass. Der Tod der "jüdischen Brigaden" sei "beschlossene Sache", lautet etwa eine Textzeile.

Wo sich die "Jagdstaffel" derzeit trifft ist unklar. Vieles deutet jedoch auf einen privaten Dart-Club im Geretsrieder Carl-Maria-von-Weber-Weg hin. Die Fenster sind verhängt, ein Namensschild gibt es nicht. Nur auf dem Briefkasten steht in kleinen Buchstaben "For-Darts-Showroom". An der Tür gibt man sich wortkarg: "Hier dürfen nur Mitglieder rein", sagt ein Endvierziger mit schwarzer Mütze. "Die 'Jagdstaffel' kommt hier schon lange nicht mehr rein", behauptet er.

Doch im Hintergrund, vor einer alten Reichsflagge, steht ein Mann mit langen schwarzen Haaren. Seine Freunde nennen ihn Simon, nach Informationen der SZ ist der gelernte Bäcker Mitglied der "Jagdstaffel". Laut tönt er von den Bauprojekten von "unserem Adolf".

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