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Mitten in der Region:Speed-Dating mit Blaumeise

Was Ornithologen schon immer wissen wollten, aber bislang nicht zu forschen wagten

Es ist wahrlich eine existenzielle Frage, der nicht nur Laien, sondern auch Wissenschaftler nachgehen: "Wann und wie genau Individuen Paarungsentscheidungen treffen, ist noch weitgehend unklar," sagt Professor Bart Kempenaers. Doch die von ihm geleiteten Untersuchungen lieferten immerhin "Einblicke in die Dynamik von verschiedenen sozialen Partnerschaften". Und ermöglichten so den Schluss, dass "fremdgehen" eigentlich eine paradoxe Bezeichnung ist: "Es findet oft zwischen Partnern statt, die sich bereits kennen".

Diese wertvollen Erkenntnisse haben er und Kristina Beck, Erstautorin der Studie, hauptsächlich in der Umgebung von Seewiesen am Starnberger See gewonnen. Mit einem selbst entwickelten und konstruierten Beobachtungssystem konnten sie festhalten, "wer mit wem wann zusammen ist", melden die Forscher. Wer jetzt erschrocken überlegt, ob er auch immer rechtzeitig die Vorhänge am Schlafzimmerfenster zugezogen hat, darf sich aber ganz entspannt zurücklehnen: Kempenaers und Kollegen haben nicht beim, sondern den Vögeln zugeschaut.

Die Ornithologen des Max-Planck-Instituts beobachteten das Speed-Dating von Blaumeisen an 20 Futterautomaten und 277 Nistkästen, die mit Lesegeräten für Chips ausgestattet waren, mit denen man die Vögel markiert hatte. Es stellte sich heraus, dass sich vor allem Vögel verpaarten, die Nachbarn und zuvor gemeinsam beim Essen waren. Die Folgen müssen Tugendwächter empören: In mehr als die Hälfte der Nester findet sich wenigstens ein Küken, dessen genetischer Vater nicht der ist, der es aufzieht. Obwohl Blaumeisen wie die meisten Vogelarten sozial monogam sind, entstammt jedes sechste Junge einem Seitensprung.

Rückschlüsse auf das menschliche Paarungsverhalten lassen sich da natürlich nur bedingt ziehen. Viel besser passt zu den Forschungsergebnissen die ebenso bahnbrechende wie zwerchfellerschütternde Studie von Jörg Metes und Tex Rubinowitz (2010): "Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen". Noch vor "am offenen Kamin mit Bolero" oder "im Adlerhorst" rangiert da "mit einer Blaumeise" ganz oben.

© SZ vom 22.02.2020
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