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Mitten in der Krise:Zeitreise im Schreibtisch

Das Ausmisten des Bürobedarfs befördert so einiges ans Tageslicht und erweist sich doch als recht spannend

Alle Veranstaltungen abgesagt, der Terminkalender wie leergefegt. Das heißt, Däumchendrehen in der häuslichen Rumpel- , äh Schreibkammer. Immerhin: Die Zwangspause setzt neue Energien frei. Wenn auch nicht in dem Maße, dass man sich bereits der Steuererklärung oder der Weiterführung des im Jahr 2003 unterbrochenen Fotoalbums widmen würde. Nach 20-jähriger Wartezeit ist der Schreibtisch als erstes an der Reihe. Schon lange hat es zu denken gegeben, warum nur die linke (Stifte) oder die rechte Schublade (Reisepass) in Benutzung sind und alle anderen Fächer immer fest verschlossen bleiben. Also, einmal tief Luft holen und ran ans Werk.

Was hat sich da bloß alles angesammelt, was man in Zeiten von Computer und Internet nicht mehr braucht: Farbbänder für die elektrische Schreibmaschine samt der tesafilmartigen Korrekturspule, mit der sich die Missgriffe an der Tastatur bequem löschen ließen, so dass man der allzu fehlerhaften Seite in der Seminararbeit nicht mehr mit Schere, Überkleben und anschließendem Kopieren zu Leibe rücken musste. Sogar Kohlepapier fürs Durchschlagen ist noch da, die Hülle ziert eine streberhafte Chefsekretärin mit akkurat frisiertem Pagenkopf und blauem Pullunder. Zur Historie zählen auch schon der Stapel an nie verschickten Postkarten mit eingedruckten 60-Pfennig-Briefmarken, eine kleine Plastikbox zum Betrachten einzelner Dias, das blaue hauchdünne Luftpostpapier für die Korrespondenz mit einer nach Kanada ausgewanderten Freundin, das Scheckheft fürs bargeldlose Bezahlen, die guten alten Floppy Discs und die in einem Beutel sorgsam für ihren nächsten Einsatz aufbewahrten Restdevisen an Lire, Francs und Schillingen.

Dann geht's weiter. Es finden sich der Impfpass der 2009 verstorbenen Katze, alte mit indischer Stickerei verzierte Adresshefte und ein über alle Jahrzehnte geretteter Schulspickzettel mit einer Anleitung fürs Prozentrechnen. Zum Schluss wird der interessanteste Schatz gehoben: ein Notizbuch für alles, was man als Münchner Studentin in den 1980er so brauchte. Mit einer Auflistung angesagter Boutiquen mit "ausgeflippten Klamotten" (erinnert sich noch jemand an den Leopoldmarkt in Schwabing?) und häufig frequentierter Tanzschuppen (Cadillac, Crash und Far Out) über den Geburtstags-Wunschzettel von einst (Lederreisetasche) bis zur Aufstellung an Backrezepten (Lauchkuchen von Lady Diana). So wird das Ausmisten von museumsreifen Bürobedarf unverhofft zu einer nostalgischen Zeitreise.

© SZ vom 24.03.2020
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