Mitten im Alltag:Pandemische Playlisten

Was es mit "I can't get no disinfection" und anderen Corona-Schlagern auf sich hat

Glosse von Claudia Koestler

Das ferne Hollywood ist manchmal näher als gedacht. Seit 1935 werden dort die Academy Awards, umgangssprachlich Oscars genannt, auch für die Kategorie Filmmusik verliehen. Zu recht, denn erst das Zusammenspiel von Bild und Ton wecken beim Publikum die ganz großen Gefühle. Was wäre Titanic ohne "My heart will go on", Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" ohne den Soundtrack mit der Mundharmonika oder jeder zweite, dritte Blockbuster ohne die tonale Wucht von John Williams. So sehr hat sich das Gemüt an musikalische Untermalung gewöhnt, dass auch im eigenen Leben kaum mehr etwas ohne Hintergrundmusik läuft.

Ganze Playlisten können Freunde und Verwandte inzwischen bestimmten Lebensabschnitten zuordnen. Und ja, inzwischen ertappt man sich auch selbst dabei immer öfter, dass, wenn ein bestimmtes Lied ertönt, man unvermittelt zurückkatapultiert wird zu einem Ereignis oder einer Zeit, die untrennbar mit ganz bestimmten Melodien verbunden ist. Obwohl man wohl besser den Mantel des Schweigens darüber ausbreitet, dass wahrscheinlich die Kominsky Methode und Michael Douglas für immer mit dem Tölzer Schützenmarsch verbunden sein werden, weil der blaskappellende Nachbar immer dann konsequent geübt hat, wenn man gerade die Staffel zu Ende schauen wollte.

Von solchen Zwangskonditionierungen abgesehen führte der jüngste Abgleich im Freundeskreis zu erstaunlichen Übereinstimmungen. Gleich mehrere verknüpfen den Beginn der Pandemie respektive den Vormarsch des Virus mit "Don't stop me now" von Queen - weil sie nahezu zeitgleich die Tanzpantomimen von David Armand auf Youtube entdeckt hatten, um sich von den Weltnachrichten zu erholen. Dicht gefolgt von "Ghost Town" von den Rolling Stones, was ja geradezu eine Punktlandung war zum ersten Lockdown. Mit einem Klassiker hingegen haben sich die Stones in den ersten Monaten dieses Jahres in den Kopf gefressen, nämlich mit "I can't get no satisfaction". Allerdings vor allem, weil es sich gar so leicht hat umformulieren lassen beim Mitsingen in "I can't get no disinfection", abgelöst von "I can't get no vaccination".

Inzwischen hat aber ein neuer Abschnitt begonnen, für viele steht die zweite Impfung an und es wird Zeit für eine neue Playlist. "Isolation" von Joy Division fällt dann - sollte alles nach Plan gehen - aus, auch, wenn man sich mal wieder über eine Grenze wagen sollte. "High Hopes" von Pink Floyd lässt sich hoffentlich stattdessen nach der zweiten Impfung auf die Liste setzen, und "Atemlos" von Helene Fischer bleibt endlich stumm.

Einen Oscar, das dürfte sicher sein, werden all die persönlichen Playlisten nie bekommen. In Erinnerung bleiben sie trotzdem.

© SZ vom 03.08.2021
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