Lärmbelästigung  Bürgerbeteiligung ohne Bürger

Um einen Aktionsplan gegen Lärm zu erstellen, sollen sich Menschen, die an Bahnstrecken wohnen, an einer Umfrage im Internet beteiligen. Doch es weiß kaum jemand davon

Von Ingrid Hügenell, Schäftlarn/Wolfratshausen

Lärm ist belastend, Lärm macht krank. Schon 2005 hat die Europäische Union deshalb eine Richtlinie erlassen, deren Ziel es ist, ein europaweites Konzept zur Bekämpfung von Umgebungslärm festzulegen. So sollen schädliche Auswirkungen verhindert, vermieden oder wenigstens gemindert werden. In Deutschland läuft die Umsetzung. Seit 15. April sind die Bürger aufgerufen mitzuteilen, wie der Lärm von Zügen und S-Bahnen sie betrifft. Allerdings hat das noch kaum jemand mitbekommen.

In einem ersten Schritt wurden Lärmkarten erstellt, sowohl für Straßen als auch für Flughäfen und eben auch für Schienenwege. Sie zeigen, wo es entlang von Zug- und S-Bahn-Strecken besonders laut ist. Allerdings wurde der Lärm nicht gemessen, sondern errechnet. Das Eisenbahnbundesamt (EBA) möchte nun von den Menschen erfahren, wie sie den Lärm wahrnehmen und wie sehr er sie stört. Langfristig soll die Umfrage dazu dienen, die Lärmbelastung zu reduzieren, indem entsprechende Maßnahmen angeregt werden.

Dazu wurde die Umfrage begonnen, an der man sich im Internet beteiligen kann. Der Schäftlarner Bürgermeister Matthias Ruhdorfer hat bei der jüngsten Gemeinderatssitzung auf diese online-Umfrage hingewiesen. Die Gemeinde Schäftlarn gilt als Lärmbrennpunkt, ebenso wie die anderen Kommunen, die an der S 7 liegen.

In der Online-Umfrage solle der "subjektive Aspekt" erfasst werden, erläutert Heike Schmidt, Pressesprecherin des Eisenbahnbundesamt. "Wie empfinden die Menschen den Lärm? Jeder, der sich durch Lärm belästigt fühlt, wird gebeten, das auch kundzutun." Diese Bestandsaufnahme bezeichnet Schmidt als "Realitätscheck". Denn schließlich würden schon viele Euro in den Lärmschutz investiert.

Von ihrer Beteiligung hat die Öffentlichkeit bisher allerdings nur wenig erfahren. Das zeigt die Zahl der Beiträge auf der Homepage des EBA: 440 waren es am Montagabend. Aus ganz Deutschland. Thomas Weissenborn, der sich als Ortsvorsitzender der Kochler SPD mit dem Lärmproblem durch laute Züge in Kochel befasst hat und überdies Mitglied des Fahrgastverbands Pro Bahn ist, hatte von der Online-Aktion am Montag noch nichts gehört. "Ich finde das überhaupt nicht gut", ärgert er sich. Eine solche Aktion müsse so bekannt gemacht werden, dass es jeder erfahre. Sonst könne man hinterher allzu leicht sagen, das Thema interessiere keinen.

Die Stadt Wolfratshausen hat durchaus auf die Umfrage hingewiesen. Allerdings muss man sich sehr interessieren, um den Hinweis auch zu entdecken: Auf der Homepage der Stadt findet sich unter dem Punkt "Bekanntmachungen" eine Verlautbarung des EBA, die in so abschreckendem Behördendeutsch formuliert ist, dass wohl nur wenige Bürger über den ersten Halbsatz hinauslesen werden.

Ganz anders lief es beim Lärmaktionsplan Straße in Wolfratshausen, ebenfalls ein Teil der EU-Aktion gegen Lärm. Dazu gab es eine Veranstaltung, bei der über 100 Wolfratshauser Forderungen abgaben. Mit ihren Hinweisen und Lösungsvorschlägen konnten sich die Bürger direkt an die Stadt wenden. Beim Lärmaktionsplan Straße sei es den einzelnen Kommunen überlassen geblieben, die Bürgerbeteiligung auszugestalten, erklärt Eva Vorderobermeier, die bei der Stadt dafür zuständig ist. Das laufe bei der Schiene ganz anders.

Und offenbar nicht ganz so gut. In Icking hat man im Rathaus überhaupt noch nichts von der Bürgerbeteiligung gehört. "Schade", kommentiert Bürgermeisterin Margit Menrad. "Wenn ich davon gewusst hätte, hätte ich es vorige Woche bei der Bürgerversammlung bekannt machen können." Die Gemeinde Schäftlarn war laut Ruhdorfer durch die Regierung von Oberbayern informiert und gebeten worden, die Bürgerbeteiligung bekannt zu machen, allerdings sehr kurzfristig, wie Ruhdorfer sagt. Icking stand offenbar nicht auf der Verteilerliste.

Menschen, die sich nicht im Internet bewegen, haben es extra schwer, ihre Betroffenheit mitzuteilen, wie der Kochler Weissenborn kritisiert, und davon gebe es ja nicht so wenige. Wer es geschafft hat, von der Beteiligung zu erfahren, kann sich immerhin den Fragebogen ausdrucken lassen und ihn dann per Post ans Eisenbahnbundesamt schicken, sagt Pressesprecherin Schmidt.

Wer sich an der Umfrage beteiligen will: Sie ist zu finden unter www.laermaktionsplanung-schiene.de