Kloster Schlehdorf Begegnungsstätte für Kreative

Die Missions-Dominikanerinnen haben selbstbestimmt nach einem Käufer des Klosters Schlehdorf gesucht, dessen Konzept ihren Werten entspricht. Die Baugenossenschaft Wogeno hat dort nun ein Quartier für Künstler erschaffen. Doch das Projekt könnte noch scheitern

Von Benjamin Emonts, Schlehdorf

Eigentlich hat sich nicht viel geändert im alten Kloster Schlehdorf: Es ist immer noch eine Wohngemeinschaft. Anstatt der Schwestern leben hier jetzt allerdings Künstler, Richterinnen, Webdesigner oder Yoga-Lehrer. Sie nutzen die ehemaligen Büros der Schwestern als Ateliers und ihre einstigen Privaträume als Schlafzimmer. Der Schwesterntrakt des historischen Klosters, das neue "Cohaus", ist auf diese Weise zu einem Kreativquartier geworden, in dem man sich zurückziehen oder auch gemeinsam arbeiten kann. Ein Ort der Ruhe, aber auch der Begegnung.

Genau so haben sich die 30 Missions-Dominikanerinnen im Kloster Schlehdorf das vorgestellt. Nach fünf Jahren Hin- und Herüberlegens - sie haben inzwischen ein neues, barrierefreies Domizil neben dem Kloster bezogen - wollen sie den Schwesterntrakt nun verkaufen, weil er zu groß und nicht mehr finanzierbar sei. In der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft Wogeno haben die Ordensfrauen einen potenziellen Käufer gefunden, der ihren Vorstellungen entspricht: Er will das Kloster als weltlichen Ort der Begegnung und Gemeinschaft erhalten.

Das einstige Cohaus des Klosters Schlehdorf ist zum Domizil für Kreative geworden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Schlehdorfer Ordensgemeinschaft geht damit in zweierlei Hinsicht einen außergewöhnlichen Weg. Auch ihre Ordensgemeinschaft, davon ist Schwester Margit Bauschke überzeugt, müsse irgendwann aufgelöst werden, weil es immer weniger Schwestern gebe, die immer älter würden. Das sei die Entwicklung. Allein in den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Ordensgemeinschaften in der Erzdiözese München-Freising nach Angaben des Ordinariats von 183 auf 159 gesunken. Bundesweit hat sich die Zahl der Ordensleute innerhalb von 20 Jahren von 41 000 auf 19 000 (Stand 2017) mehr als halbiert. Die Ordensleute sterben allmählich aus - und mit ihnen die Klöster, die die Geschichte und Kultur über Jahrhunderte prägten.

Doch anders als manch andere Ordensgemeinschaften haben die Missions-Dominikanerinnen vorzeitig die Initiative ergriffen und nach einer Nachfolgeregelung in ihrem Sinne gesucht. "Wir möchten unsere Zukunft selbst bestimmen, solange wir noch können", sagt Schwester Margit. Sie sehen der Realität ins Auge. Ruth Maria Stamborski, kommissarische Vorsitzende der Vereinigung der geistlichen Schwestern in der Erzdiözese München und Freising, hat sie dafür kürzlich in einem Interview mit dem Ordinariat ausdrücklich gelobt: "Ich finde das sehr beeindruckend, dass sich ein Orden auf diesen Weg macht, wenn er noch die Kraft besitzt, die Veränderungsprozesse gut zu gestalten, gut zu begleiten."

Schwester Margit Bauschke hofft, dass das Projekt die Probephase überdauert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Außergewöhnlich ist auch das Konzept, für das sich die Schwestern entschieden haben. Gemeinsam mit der Münchner Wogeno beschreiten sie einen Weg, der, so glaubt Vorstand und Projektleiter Peter Schmidt, bislang einzigartig in Deutschland ist. Ihr Nutzungskonzept sieht eine kreative, locker gehaltene Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung und Freizeit vor. Menschen verschiedener Couleur sollen in Gemeinschaft leben und auf weltlicher Ebene das Miteinander und Füreinander, das im Kloster praktiziert wurde, fortsetzen. Den Rahmen dafür schafft die Münchner Baugenossenschaft, die mehr als 5000 Mitglieder zählt. "Der sozial-ökologische Ansatz der Wogeno stimmt mit unseren Wertvorstellungen genau überein", begründet die Provinzoberin der Missions-Dominikanerinnen Schwester Francesca Nannen.

Wie das Konzept aussieht, zeigt Cohaus-Managerin Caroline Munkert auf einem Rundgang. Die großen hellen Räume des Klosters heißen mittlerweile "Loisach" oder "Kochelsee" und sollen künftig von Unternehmen für Tagungen, Konferenzen oder für Yoga-Kurse gemietet werden. Ehemalige Büros der Schwestern dienen als Co-Working Räume, in denen Selbständige ihre PCs anschließen und in einer ruhigen Umgebung arbeiten können. Die Küche der Schwestern ist nun eine Gemeinschaftsküche, der Essensraum die neue Bauernstube. Für Künstler stehen Studios und 15 Ateliers zur Verfügung, die sich teils auch zum Übernachten eignen. Die ehemaligen Zellen der Schwestern dienen als Schlafzimmer mit Blick auf die Alpen. Im Dachgeschoss befinden sich Meditationsräume mit Sitzkreisen. Besonders exquisit ist die Prälatensuite, in der früher geistliche Gesandte, etwa der Erzbischof, wohnten und die man nun mieten kann. Der Festsaal der Schwestern soll als solcher bestehen bleiben - mit dem Unterschied, dass nun auch Konzerte oder Hochzeiten dort stattfinden sollen.

Im Zimmer "Loisach" finden künftig Yoga-Kurse statt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

An einem Pin-Board im ersten Stock kleben unzählige bunte Zettel mit Aufgaben, die im Kloster anfallen. Die WG-Bewohner sollen gemeinsam anpacken und das Gebäude auch ein Stück weit selbst verwalten. Innerhalb der Klostermauern werden außerdem verschiedene Veranstaltungen angeboten, Schwester Margit gibt etwa einen Feldenkrais-Kurs. Das Catering übernimmt Johann Heinritzi, der Betreiber des Kramerladens im Freilichtmuseum Glentleiten.

Der Geist von Gemeinschaft und Innovation ist in dem Projekt bereits deutlich zu spüren. Der Haken an der ganzen Sache ist nur: Das Projekt steht auf sehr wackeligen Beinen. Die Wirtschaftlichkeit steht in Frage, außerdem bereiten die brandschutzrechtlichen und denkmalschutzrechtlichen Auflagen sehr große Sorgen. Vor einem möglichen Kauf hat sich die Wogeno deshalb mit den Schwestern auf eine Probephase von Juni 2018 bis zum Ende des Jahres geeinigt, die womöglich aber verlängert wird. Es dreht sich alles um die zentrale Frage, ob sich die Wogeno tatsächlich zum Kauf des Gebäudes im Wert von 4,2 Millionen Euro entschließen kann. Vorstandsmitglied Schmidt soll dem Aufsichtsrat bis zum Oktober einen Bericht vorlegen, ob der Betrieb des Klosters wirtschaftlich tragbar ist.

Schmidt sieht das Projekt auf einem guten Weg. Über den gesamten August hinweg sei das Haus so gut wie voll gewesen, jetzt müsse aber die Vermietung der Tagungs- und Konferenzräume in Schwung kommen. Optimistisch blickt Schmidt auch auf den organisatorischen Bereich. "Wir haben eine super Crew. Hier haben Menschen hingefunden, die sehr fähig sind, das Haus zu managen." Bauchschmerzen bereiten Schmidt hingegen die politisch-administrativen Hürden, insbesondere der Denkmal- und Brandschutz. Man müsse sich auf die Unterstützung der Gemeinde Schlehdorf und des Landkreises verlassen können, um das Projekt zu realisieren, betont Schmidt. Bei einem mehrjährigen Planungsverfahren ohne absehbares Ende müsste die Wogeno die Finger von dem Projekt lassen. "Ich darf das Geld unserer Mitglieder nicht in Gefahr bringen. Es darf kein Liebhaberprojekt werden, das mehr Kosten als Nutzen verursacht."

Der Schlehdorfer Bürgermeister Stefan Jocher (Wählergruppe Loisach, kurz WGL) versichert: "Im Gemeinderat sind wir von dem Projekt sehr angetan. Wir werden es entsprechend unterstützen." Zuvor müsse jedoch geklärt werden, ob eine Bauleitplanung erforderlich sei oder bloß ein einfacher Bauantrag. Peter Schmidt wartet, wie er sagt, noch auf ein deutliches Zeichen der Politik, er hätte gerne einen Grundsatzbeschluss des Gemeinderats. Sein Bauchgefühl sei insgesamt gut, denn: "Das Haus hat so viele Potenziale und so viele Menschen glücklich gemacht in den vergangenen Wochen. Die Schwestern hoffen, mit dem Verkauf schon bald in eine gewisse Zukunft zu blicken. "Das ist unser Herzenswunsch", sagt Schwester Margit.