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Heimat nach außen tragen:Wolfratshausen Oida!

Felix Neuchl verkauft im Internet T-Shirts mit Städte- und Ortsteilnamen. Sein Onlineshop war zunächst als Experiment gedacht. Inzwischen zählt der 26-Jährige mehr als 100 Lokalpatrioten zu seinen Kunden

Von Sebastian D'Huc, Berg

Als die Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Krise noch in Kraft waren, haben viele Bürger festgestellt, dass sie ihre Zeit nur noch zwischen Bett, Sofa und Home-Office am Küchentisch aufgeteilt haben. Nicht so Felix Neuchl. Der 26-jährige Onlinewerbefachmann entschied sich "aus Corona-Langeweile" eine Website aufzusetzen und einen Online-Shop zu gründen - "nur so zum Spaß und quasi als Experiment, um neue Marketing-Strategien zu testen." Auf seiner Website "Peakwear" finden sich Blogbeiträge rund um den Themenkomplex Bergsteigen: Hüttenbewertungen, Tourberichte, Ausrüstungsempfehlungen. In den informativen Artikeln eingestreut sind jedoch stets Links zu seinem Online-Shop, in dem er T-Shirts im "Outdoor-Style", Pullis und Caps vertreibt. Er wollte wissen, ob Internetnutzer, die seine Website wegen des Informationsangebots besuchten, sich ebenfalls zu einem Kauf überreden lassen. Das Ergebnis: "Ernüchternd - von 400 Seitenaufrufen haben sich nur zwei zum Kauf entschieden."

Felix Neuchl vertreibt Kleidung mit Schriftzügen für Bergfans und Lokalpatrioten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dass ein anderer Teil seiner Produktlinie jedoch ein großer Erfolg werden würde, hat selbst Neuchl überrascht. Neben allgemein gehaltenen Wander-T-Shirts sind in Neuchls Online-Shop nämlich auch hyperlokale Spruchshirts in vielen Farben und Variationen erhältlich. Diese ziert im Brustbereich ein Ortsname, zusammen mit dem Wort "Oida!" Dutzende Variationen dieser Shirts hat er erstellt - "Wolfratshausen Oida!", "Weidach Oida!", "Deiz Oida!", Letzteres bezieht sich auf Bad Tölz. Der Ausspruch "Oida!" gefällt Neuchl, wie er sagt: Weil er ein Teil der bayrischen Jugendsprache sei und außerdem verschiedene Bedeutungen in sich trage, je nach Kontext und Aussprache. "Oida beschreibt die Bayern ganz gut", findet Neuchl. "Wir sind wortkarg und vielschichtig", sagt der 26-Jährige, der selbst indes eher eloquent und aufgeweckt wirkt. Das erste Design erstellte er für Farchach, den Berger Ortsteil, in dem er aufgewachsen ist. Nachdem dies im Burschenverein hervorragend ankam, entschied er sich, die Idee weiterzuverfolgen. "Spruchshirts sind ja wahrlich nichts Neues - dass sie so lokal sind, allerdings schon", glaubt Neuchl.

Die Klamotten von Neuchl sind heimatverbunden im "urbanen Stil".

(Foto: Harmut Pöstges)

Der 26-Jährige studierte nach seinem Abitur am Ickinger Gymnasium Geschichte und Philosophie in München und fing dann an, für eine Werbeagentur zu arbeiten. Mittlerweile arbeitet er im Online-Marketing für einen großen Münchner Sportartikelhändler. Sein Kerngeschäft ist die Optimierung der Inhalte für Suchmaschinen, kurz SEO, um die Sichtbarkeit einer Website in den Suchergebnissen zu erhöhen. Welche Website bei Google, das eigenen Angaben zufolge mehrere Hundert Milliarden Websites indiziert hat, bei einer Suchanfrage unter den ersten Ergebnissen gelistet wird, entscheidet ein geheimer Algorithmus. Weil viele auf die ersten gelisteten Resultate klicken, ist die Sichtbarkeit der Website entscheidend für den Firmenerfolg. "Viele lokale Betriebe haben SEO total verschlafen", findet Neuchl. "Das Motto ist immer noch: Website hinstellen und fertig". "Wenn ich aber ,Hausmeisterservice Wolfratshausen' google, ist es von großem Vorteil, wenn die eigene Website zuerst gelistet wird. Gerade im lokalen Bereich lassen sich durch kleine Optimierungs-Kniffe große Wirkungen erzielen."

SEO-Tipps für lokale Unternehmen

Der englische Begriff Search Engine Optimization (SEO) bezeichnt die Anpassung der Onlineauftritte, um in Suchmaschinen wie Google besonders prominent gelistet zu werden. Felix Neuchl gibt drei Tipps, wie das gelingen kann:

1. "Google My Business"-Eintrag erstellen

Mit GMB lässt sich auf Google eine Art Kurzprofil des Unternehmens mit Adresse, Öffnungszeiten und Website-Link erstellen. Die kostenlose Anwendung erlaubt Nutzern einen schnelleren Überblick und führt zum höheren Ranking.

2. Digitale Branchenbücher nutzen

Wer sein Unternehmen in digitalen Branchenbüchern und auf lokalen Bewertungsplattformen hinterlegt, wird vom Google-Algorithmus als relevanter eingestuft. Beispiele sind "Jameda" für Ärzte oder "MyHammer" für Handwerker. Entscheidend ist, Namen, Adresse und Telefonnummer immer im gleichen Format anzugeben.

3. Kunden um Bewertungen bitten

Als Unternehmen kann man seine Kunden gezielt um Online-Bewertungen bitten - auf Google oder in Branchenportalen. Viele positive Bewertungen zeigen nicht nur die gute Reputation, sondern schaffen auch eine verbesserte Relevanzbewertung durch die Suchmaschine. SDH

Seine lokalen T-Shirts vermarktet er allerdings primär über Facebook und Instagram. "Als SEO-Fachmann war Social Media Marketing auch eher ungewohnt für mich", stellt er fest. Unter normalen Umständen sei die Vermarktung über die Sozialen Medien eher ineffektiv. "Man wischt doch typischerweise so schnell an Werbung vorbei, dass man sie nicht wirklich erfasst." Wegen der regionalen Relevanz seiner Produkte konnte er jedoch in lokalen Facebook-Gruppen der jeweiligen Städte und Dörfer für sie werben - obwohl Inserate dort normalerweise verboten sind. "Aber da haben die Administratoren wohl ein Auge zugedrückt", sagt er und lacht. Sein Experiment verlief gut - etwa 100 Artikel habe er bereits vertrieben, die meisten in Wolfratshausen. Auch die stets um Abgrenzung bemühten Weidacher kauften fleißig, berichtet er.

Neuchl hat seine T-Shirts gewissermaßen für Lokalpatrioten optimiert. Kleinkariert und dumpf seien sie aber nicht, findet er. "Es ist auf jeden Fall nicht so gemeint. Die Designs sind urban und frisch, nicht spießbürgerlich, und das Ziel ist definitiv nicht, Lokalrivalitäten anzustacheln", sagt er. "Vielmehr ist die Heimat ja ein Ort, der für einen wichtig ist, auf den man stolz ist und mit dem man sich identifiziert. Das ist in einer globalisierten und unübersichtlichen Welt etwas Gutes, das man sich durchaus bewahren kann."

www.peakwear.de

© SZ vom 08.07.2020
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