Bad Tölz-Wolfratshausen:Warum Hitler? Darum

Lesezeit: 2 min

Polizei und Sozialarbeiter machen die Erfahrung, dass Jugendliche sich bei Nazi-Namen und Hakenkreuzen wenig denken. In Geretsried haben sie im Umgangsjargon eine Tankstelle nach Adolf Hitler benannt

Von Thekla Krausseneck, Bad Tölz-Wolfratshausen

Jugendliche Insider kennen sie: die "Hitler-Tankstelle" in Geretsried. "Mein Lieblingsthema", sagt der Mobile Jugendarbeiter Michael Mock. Wenn Jugendliche in seiner Gegenwart von der Tankstelle reden, fragt er nach: Warum denn bitte dieser Name? Antwort: "Die heißt halt so." Fertig.

Dass die Tankstelle unter Jugendlichen den Namen Adolf Hitlers trägt, liegt an einer benachbarten Kneipe, in der sich früher häufig Rechtsextreme getroffen haben sollen. Heute sei das nicht mehr der Fall, in Geretsried sei ihm keine rechte Szene bekannt, sagt Mock. Trotzdem kommt es hin und wieder vor, dass eine Hakenkreuz-Schmiererei auftaucht; dahinter stecke aber in der Regel keine politische Motivation, sondern die reine Provokationslust der Jugendlichen - oder, wie im Fall der Namenswahl für die Tankstelle, schiere Gedankenlosigkeit.

Wer Hakenkreuze schmiert, der macht sich nicht nur der Sachbeschädigung strafbar, sondern auch der Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen. Zuletzt geschehen Anfang Februar an der Schule in Schlehdorf. Solche Vorfälle sind eine Angelegenheit für das Staatsschutzkommissariat der Kriminalpolizei in Rosenheim, vorausgesetzt, es kann ein rechtsextremer Hintergrund vermutet werden. Diese Vermutung erhärte sich dann, wenn sich die Vorfälle in einer Ortschaft häuften, sagt Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Die für die Schmierereien in Schlehdorf zuständige Polizeiinspektion in Kochel am See sah den Verdacht auf Neonazis nicht gegeben: Die Sprüche, die von den Schmierfinken neben dem Hakenkreuz hinterlassen worden seien, hätten klar auf Jugendliche schließen lassen, sagt Hauptkommissar Steffen Wiedemann, Leiter der Polizeiinspektion in Kochel.

Aus dem Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd geht hervor, dass es im Jahr 2013 genau 101 Ermittlungsverfahren wegen rechtsextremistischer Delikte gab. In 91 Fällen handelte es sich um Propagandadelikte, also Hakenkreuz-Schmierereien, das Zeigen oder Verwenden von Nazi-Symbolen oder das Abspielen indizierter Tonträger. Die Aufklärungsquote lag bei 37 Prozent.

Auch in Schlehdorf sieht es nicht so aus, als würden die Täter noch gefunden. Es wurde ein Zeugenaufruf geschaltet, Fotos angefertigt und Spuren gesichert; seither wartet die Polizei auf Anrufe von aufmerksamen Bürgern. Die Fotos wurden an die Experten der Kriminalpolizei gegeben, die "tiefergehende Kenntnisse" zum Thema Hakenkreuz-Schmierereien haben. Wenn die auch nichts Erhellendes beitragen können, dann wandert die Akte weiter an die Staatsanwaltschaft, als "Vorlage gegen Unbekannt".

Hakenkreuze als Mittel, um die Grenzen auszutesten: Solche Erfahrungen machten auch Lehrer in Schulen, sagt Wiedemann. Einmal habe ein Schüler Hakenkreuze in sein Heft gekritzelt, die er "irgendwo gesehen hatte". Die Lehrerin bekam das heraus und widmete eine ganze Schulstunde dem Nationalsozialismus, um der Klasse klarzumachen, was dieses Symbol eigentlich bedeutet. "Danach waren alle kuriert", berichtet Wiedemann.

So leicht ist es in Geretsried nicht. Mock wird nicht müde in seinen Versuchen, bei den Jugendlichen ein Bewusstsein für die Tragweite ihrer Namenswahl für die Tankstelle zu schaffen, doch die Sache gestaltet sich schwierig. "Das ist Alltagssprache geworden", weiß Mock. Hinzu komme, dass die jungen Menschen einfach abgestumpft seien - "durch die Medienflut".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB