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Bad Tölz-Wolfratshausen:Emanzipation auf dem Hochsitz

Frauenfinger am Abzug: Die Jagd ist für Karin Hansch auch ein Freiraum. Auf Negellack will die 38-Jährige aber auch auf dem Hochsitz nicht verzichten.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Karin Hansch ist seit zwei Jahren Jägerin. Mit ihrer Leidenschaft ist die 38-Jährige aus Feldkirchen bei Egling längst keine Exotin mehr. Immer mehr Frauen in Deutschland entscheiden sich, den Jagdschein zu machen.

Von Lea Utz, Bad Tölz-Wolfratshausen

Ein leises Klicken zerbricht die Stille, als Karin Hansch im Lichtkegel der Taschenlampe die goldglänzende Munition in die Ladeklappe ihres Gewehrs schiebt. Kaum etwas regt sich in der Finsternis, die den Hochsitz umgibt. Hinter einem Stück Wiese erhebt sich in der Ferne schemenhaft der Wald, die Kälte der Nacht hängt noch in der Luft. Konzentriert blickt Hansch unter ihrer Hutkrempe hinaus ins Dunkle.

Was dem ungeübten Beobachter entgeht, registriert die Jägerin aus Feldkirchen bei Egling ganz automatisch: Es ist beinahe windstill, ein gutes Zeichen. Ihr Geruch könnte sie sonst verraten, denn die Bewohner des Waldes haben eine feine Nase. Nach einer Stunde blinzelt im Osten vorsichtig der Tag durch die Wolkendecke, zwitschernd und krächzend erwachen die Vögel. Ihre Laute kann die 38-Jährige mühelos zuordnen. "Da unterhalten sich zwei Mäusebussarde", flüstert sie, und deutet hinüber zu den Bäumen.

Seit Hansch vor zwei Jahren den Jagdschein gemacht hat, sieht sie den Wald mit anderen Augen. "Ich nehme so viele Dinge wahr, auf die ich vorher gar nicht geachtet habe." In ihrem Vorbereitungskurs zur Jägerprüfung war sie eine von vier Frauen. Ungewöhnlich ist das längst nicht mehr: Langsam, aber sicher, erobern Jägerinnen die einstige Männerdomäne.

"Die Zeiten, in denen der Jäger der mit dem grünen Rock und dem Gamsbart war, sind längst vorbei", sagt Renate Weber vom bayerischen Jägerinnenforum. Der Frauenanteil unter den Jägern hat in den vergangenen Jahren konstant zugenommen. In der Jagdkreisgruppe Wolfratshausen sind 6,5 Prozent der Mitglieder weiblich, in Bad Tölz sind es knapp acht Prozent. Bundesweit sieht es ähnlich aus, Tendenz deutlich steigend: In den Ausbildungskursen sitzt heute bereits auf jedem fünften Platz eine Frau.

Weber wundert das nicht: "Die Zahlen spiegeln die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider", sagt sie. Aus ihrer Sicht gibt es viele Gründe, sich als Frau für die Jagd zu entscheiden. "Frauen sind sehr bewusste Esser und setzen sich mit dem Thema Ernährung stark auseinander", erläutert die Jägerin. Schließlich weiß der Jäger immer, woher sein Fleisch kommt. Ein Motiv sei außerdem das Bewusstsein für die Umwelt und die Bereitschaft, sich für den Artenschutz zu engagieren. Nicht zuletzt fänden einige Frauen auch über den Familienhund zur Jagd - denn wer einen Jagdhund ausbilden will, braucht in der Regel einen Jagdschein.

Bei Karin Hansch waren es letztlich Kindheitserinnerungen, die den Ausschlag gaben. Ihr Vater ist Jäger, schon als kleines Mädchen genoss sie die Ruhe auf dem Hochsitz. "Das ist ein schönes Gefühl, einfach im Wald zu sitzen und nichts tun, sagen oder denken zu müssen", erzählt sie. Hansch hat zwei Kinder, gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie im Ort ein Wirtshaus. Die Jagd ist für sie ein Freiraum im Alltag. "Das sind zwei Stunden in der Woche, die ich nur für mich habe."

An den Moment, als sie zum ersten Mal einen Rehbock geschossen hat, erinnert sich Hansch genau: "Das war Adrenalin pur, danach musste ich erst mal eine Halbe trinken." Über Leben und Tod eines Tieres zu entscheiden, das ist für sie immer noch ein ungewohntes Gefühl. Vor jedem Schuss wägt sie lieber dreimal ab. Bevor sie den Abzug zieht, will sie sich ihrer Sache absolut sicher sein.

Jagen Frauen anders als Männer? "Im Grunde genommen nicht", sagt Renate Weber vom Jägerinnenforum. Höchstens sei bei Frauen die Schießfreude vielleicht etwas weniger ausgeprägt - bei ihnen stünden tendenziell andere Aspekte der Jagd im Vordergrund. "Wir wollen als Jägerinnen keine Sonderstellung", betont Weber. Sie selbst geht seit 27 Jahren auf die Jagd. "Wer glaubt, dass wir nur auf dem Hochsitz sitzen und Kaffee trinken, liegt falsch."

Statt Kaffee hat Karin Hansch ein Messer, eine Wasserflasche, eine Tüte, Plastikhandschuhe und eine Brotzeitbox in ihren moosgrünen Rucksack gepackt. Es sind Werkzeuge, die nur dann zum Einsatz kommen, wenn sie ein Tier erlegt hat: Das Wild wird dann an Ort und Stelle ausgenommen. "Die Tupperbox ist für die Leber - das ist die einzige Innerei, die ich essen mag", erklärt die 38-Jährige.

Das Wildbret landet später im Gasthaus auf dem Teller, wie auch das befreundeter Jäger. "So hab ich immer frisches Wild und weiß auch, wo's herkommt." Einmal im Monat tauschen sich die Mitglieder der Jagdkreisgruppe beim Stammtisch aus. "Die freuen sich alle, wenn auch Frauen mit dabei sind", sagt Hansch. Ebenso freundlich habe sie der Pächter des Reviers bei Moosham aufgenommen, das sie mit drei anderen Jägern begeht.

An diesem Morgen rührt sich nichts am Waldrand, kein Reh ist unterwegs. "Das hätte man gehört", sagt Hansch, "Rehe sind die Elefanten des Waldes". Erst auf der Rückfahrt durch das Revier sieht sie drei Rehe und ein Kitz im Feld stehen. Ärgern tut sie das aber nicht. "Das war schön heute", sagt sie, als sie später in der Wärme der Wirtsstuben sitzt. Wenn gleich in der Küche der Alltag ruft, hat sie schließlich schon einen Sonnenaufgang im Wald erlebt.

© SZ vom 22.10.2016
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