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Ausstellungsprojekt:Trockenübungen an der Quelle

Florian Hüttner und fünf internationale Künstler fordern in der Wandelhalle des Jodquellenhofs "Einen Brunnen für Alle!" Ihre Entwürfe sollen provozieren, lassen sich aber nicht leicht erschließen

Was gibt es erfrischenderes als einen Brunnen - kühles Wasser, das sprudelt, plätschert, fließt und den Durst stillt. Das Kunstprojekt "Ein Brunnen für Alle!", das Florian Hüttner und die Hamburger Galerie für Landschaftskunst (GLFK) derzeit in Bad Tölz verwirklichen, löst spontane Zustimmung aus. Auch deshalb, weil es auf den ersten Blick politisch, kritisch und wunderbar provokant ist.

Hüttner und fünf Künstlerkollegen fordern nicht weniger, als eine vergessene Heilquelle im Kurpark der Jodquellen AG der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Sie wollen die Herderquelle privatwirtschaftlichen Interessen entziehen und sie vor einer etwaigen Überbauung mit Luxuswohnungen bewahren. Anton Hoefter, dem Chef der Jodquellen-AG, hätten sie damit "den künstlerischen Fehdehandschuh hingeworfen", sagt Hüttner.

Zudem wollen er und seine Mitstreiter eine global brisante Frage aufwerfen: Wem gehört das Wasser? "Eine Quelle ist nie allein nur das Stück Land, an dem sie zutage tritt", sagt Hüttner. Vielmehr sei sie Teil eines geografischen Gefüges und eng verbunden mit dem Klima-, Wasser- und Bodenhaushalt einer Landschaft. Ein spannendes Projekt also, das er in seiner Heimatstadt auf den Weg gebracht hat und mit dem er einmal mehr Leben in die verwaiste Wandelhalle im Tölzer Kurpark bringt.

Wer das tempelartige, 130 Meter lange Gebäude betritt, blickt in der Eingangsrotunde zunächst einmal der Göttin Hygieia auf den Allerwertesten, die dort seit dem Niedergang des Kurwesens in einem stillgelegten Brunnen steht. Ein stimmiger Einstieg ins Thema. Wer tiefer eintauchen will, muss die Wandelhalle erkunden, in der sechs Künstler - David Brooks, Stephan Dillemuth, Klara Hobza, Florian Hüttner, Till Krause und Anna Schapiro - ihre "Brunnen-Entwürfe" präsentieren.

Den Begriff Entwurf fassen die Künstler dabei ebenso weit wie das Thema Brunnen, weshalb einige Besucher bei der Vernissage in das erste Kunstwerk aus Versehen gleich einmal hineintappen. Anna Schapiro hat einige Quadratmeter der Bodenfliesen mit blauen Schlieren bemalt. Rätselhafter als die Arbeit an sich ist der Titel: "Schnitt durch den tieferen Grund einer Faltenmolasse".

Auch andere Installationen - etwa der "Samowar für alle" von Stephan Dillemuth oder David Brooks "Skizze zur Brunnen-Hydrologie der Region, gezeichnet in 61,15 Metern grüner Linie" - wirken improvisiert. Sie lassen ahnen, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat. So entspricht die Länge der grünen Schnur (61,15 Meter), mit der Brooks Holzleisten und einen Gullydeckel verbindet, der Tiefe des Bohrlochs zur Herderquelle. Die Leisten wiederum sollen Bad Tölz und Nachbarkommunen symbolisieren, was durch einfache Namensschilder kenntlich gemacht wird. Das Konzept ist ersichtlich, über die künstlerische Ausdruckskraft lässt sich streiten.

Fast alle Arbeiten sind vor Ort entstanden. Die Künstler haben sich zwar seit längerem mit dem Thema beschäftigt, ihre Ideen haben sie jedoch in knapp einer Woche umgesetzt. Handfeste Ergebnisse hat in dieser Zeit Till Krause eingeholt. Er ist mit der Kamera durch Bad Tölz gezogen, hat seine Faust in 150 Ecken und Winkel gereckt und auf einem Gummihandschuh Forderungen formuliert: "Brunnen für den Fadenmolch" steht da etwa oder "Brunnen für die Sumpfgladiole", "Brunnen für den Marmor" und "Brunnen für die Menschen". Auf zwei Blättern hat er skizziert, welche Dimensionen ein solcher "Brunnen für Alle" annehmen könnte.

Von Krause stammen auch die großen Banner mit rätselhaften Botschaften, die den riesigen Raum strukturieren. Während Klara Hobza in einem kleinen Spiegelkreisel den Zugspitzgletscher wachsen und schrumpfen lässt, hat einzig Hüttner einen "realistischen" Brunnenentwurf vorgelegt. Dieser orientiert sich an einem sakral anmutenden Kanalbauwerk, das Hüttner in Tölz erkundet hat.

"Froschbrunnen" hat er es genannt, weil er in Anlehnung an Ovids Metamorphosen gerne Frösche einsetzen würde. In solche hatte die Göttin Latona Bauern verwandelt, die ihr das Trinken aus einem See verweigert hatten. Ein hübscher Gedanke, der sich allerdings Besuchern, die nur mit einem Lageplan ausgestattet sind, schwer erschließen dürfte.

Florian Hüttner würde in seinen Brunnen gerne Frösche einsetzen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das ist die Schwäche der intellektuell aufgeladenen Schau: Es gibt wenig sinnliche oder intuitive Anknüpfungspunkte für Besucher ohne Vorwissen. Ob sich auf diese Weise eine Debatte anstoßen lässt, ist zumindest fragwürdig.

Großes Lob kommt indes vom Hausherrn Hoefter, der sich auf Geschäftsreise in England befindet und zur Vernissage eine Grußbotschaft sendet. Darin beglückwünscht er die Künstler zu ihrem spannenden Projekt und der provokanten Fragestellung. Aus den Zeilen spricht ein Kunstfreund und großzügiger Mäzen. Die Provokation ist damit aber auch ein Stück weit ins Wasser gefallen.

"Ein Brunnen für Alle!", Wandelhalle, Ludwigstraße 14, Bad Tölz, geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 16 bis 19 Uhr; von 12. November bis 20. Januar nur nach Vereinbarung, Tel. 0176/80446538