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Weniger Fixierungen:Weniger Papierkram, mehr Zeit

Damit nicht der Effekt "Bettgitter runter, Psychopharmaka rauf" eintritt, hat die Heimaufsicht seit 2008 auch den Einsatz dieser Medikamente untersucht. Die letzte Erhebung mit 771 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Bewohnern ergab, dass bei 56 Prozent eine Verordnung von Psychopharmaka vorliegt. Auffallend ist dabei, dass die Medikamentengabe im Tagesverlauf ansteigt. Die Hälfte aller Gaben erfolgt abends oder nachts. Das könnte damit zusammenhängen, dass es morgens mehr, nachmittags und abends weniger Betreuung gibt. Allerdings sei ein Kausalzusammenhang noch nicht geklärt.

Betreuung im Seniorenheim

Die Heime lassen sich beraten und finden oft Alternativen zur Fixierung.

(Foto: dpa)

Besonders kritisch hat sich die Heimaufsicht die sogenannte Bedarfsmedikation angesehen, bei der Psychopharmaka in vom Arzt festgelegten Situationen, wie etwa bei Angstzuständen, gegeben werden können. Werde da ein starkes Medikament nachts um 3.30 Uhr gegeben, könne die Wirkung bis in die Nachmittagsstunden anhalten: Der Bewohner kann so kaum die heiminterne Tagesbetreuung besuchen und sei zudem sturzgefährdet.

Bei der Gabe von Psychopharmaka zeichnet sich nun ebenfalls eine positive Entwicklung ab: "Es herrscht mehr Sensibilität", sagt Groth. "Die Verordnung von Psychopharmaka in den Nachtstunden ist deutlich nach unten gegangen." Wurden 2011 noch 66 Prozent aller verordneten Psychopharmaka abends oder nachts verabreicht, waren es vergangenes Jahr noch 57 Prozent.

Mehr Sensibilität bei den Medikamenten

Noch positiver fällt das Ergebnis bei der Bedarfsgabe aus: Die erfolgte 2011 in 74 Prozent der Fälle abends oder nachts, 2013 nur noch in 36 Prozent der Fälle. Dies zeige, dass bei den Pflegekräften große Sensibilität vorhanden sei. Allerdings dürfe auch nicht der Eindruck entstehen, dass Psychopharmaka gar nicht vergeben werden sollten. Vor allem demenzkranke Menschen, die an erhöhten Angstzuständen, schizophrenen Psychosen oder Zwangsstörungen leiden würden, könne die angstauflösende, krampfhemmende und beruhigende Wirkung helfen.

Auch die vielfach von Pflegekräften kritisierte Bürokratie, den "Papierwahnsinn", hat die Heimaufsicht angegangen. Aus dem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt mit fünf Heimen ist ein Beratungskonzept "gegen zu viel Papier" in der Pflege entstanden. Und das sieht nicht neue "Musterformulare" vor, sondern will bei den Mitarbeitern bewusst machen, was an Information wirklich nötig ist für ihr pflegerisches Handeln und was sie dafür brauchen. "So kommt mehr Zeit beim Bewohner an", betont Groth.

© SZ vom 22.04.2014/wolf
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