Weitere Briefe:Verdächtiger Hype um Cannabis

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Digital baden gehen

Schön, dass nun gleich zwei Frauen sich die Leitung der Münchner Bäder teilen ("Zwei Frauen an der Spitze von Münchens Bädern" vom 25. Februar). Weniger schön ist, dass sie im Bild vor dem geschlossenen Dante-Winterfreibad stehen und von einer Öffnung spätestens zu Pfingsten sprechen - das sind noch 12 Wochen oder ein weiteres Vierteljahr, während die Politik munter Baumärkte öffnet, aber die Gesundheit und Fitness aufgrund geschlossener Sportstätten weiter hintenansteht.

Primäres Ziel der Bäderchefinnen müsste daher die Öffnung der Bäder sein, die zu keinem Zeitpunkt einen Treiber der Pandemie dargestellt haben. Außerdem frage ich mich, in welcher Parallelwelt das "digitale Ticketing System" existieren soll, das laut dem Bericht jetzt ausgebaut werden soll. Tatsächlich gab es in der letzten Freibad-Saison lediglich ein dem normalen Kassensystem vorgeschaltetes Reservierungssystem, das einen aus Hygienesicht völlig unnötigen weiteren persönlichen Kontakt im Kassenbereich erforderte. Bei den Hallenbädern wurde nicht einmal dieses Minimalsystem umgesetzt. Unter einem digitalen Ticket verstehe ich eine vorab bezahlte Eintrittskarte, die möglichst kontaktlos Zutritt zum gewählten Freibad oder Hallenbad ermöglicht. Hier müsste jetzt gehandelt werden, dann ergeben sich die im Bericht erwähnten Oasen im Alltag von ganz alleine. Jens Kammann, Hohenschäftlarn

Erschließungswahn

Die Nordische Ski-WM, eine Tragikomödie mit vorhersehbarem Ausgang ("Geister-WM statt Gäste-Magnet", 19. Februar). Tragisch für Natur, Umwelt und den hoch verschuldeten Kurort: Jubelattacken ("lasst die Häuser glänzen und erstrahlen") und eine Pappkarton-Offensive sind der komödiantische Teil dieses Spektakels. Zum strapazierten Begriff der Wertschöpfung für den Ort: Nüchtern betrachtet geht es um Marketing und Profit. Letzteres zugunsten der Verbände und Organisatoren. Massentourismus und Wettrüsten in den Bergen zerstören bereits die natürlichen Ressourcen dieser grandiosen, aber höchst labilen Bergwelt - und damit die Existenzgrundlage dieses Kurortes! Dies alles vor dem Hintergrund dramatischer Erderwärmung und der Gefahr einer dritten Welle der lebensbedrohenden Pandemie.

Nichts verdeutlicht den Einfluss des Lobbyismus mehr als der Kuschelkurs des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in Sachen WM. Das Triviale an der Oberstdorfer Kommunalpolitik: Zum erodierenden Prozess des Wachstumswahns gibt es keine kontroversen Debatten, geschweige denn Widerstand. Besonders enttäuschend: Die Grünen bevorzugen öden Konsens und tolerieren dadurch diese fatale Entwicklung. Und für die SPD sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit eh kein Kriterium. Freie Bahn dem Erschließungswahn. Walter Kopczak, Oberstdorf

Verdächtiger Cannabis-Hype

Als Ärztin für Arbeitsmedizin engagiere ich mich für die Gesundheit von Beschäftigten, für gesündere Arbeitsbedingungen in Unternehmen und eine gesundheitsförderliche Arbeitsumgebung. Auch die seelische Gesundheit und Prävention psychischer Problemlagen sowie Suchtprävention sind hier seit vielen Jahren mein Thema. Der Hype um medizinisches Cannabis ("Berauscht vom Wandel", 19. Februar) ist mir schon länger suspekt. In der Schmerztherapie tätige Kolleginnen und Kollegen berichten mir, dass bis zu 40 Prozent der Neuanmeldungen junge Männer sind, die nach einer Verordnung von medizinischem Cannabis fragen. Einige wenige Schmerzpatienten scheinen wirklich von dieser neuen Therapieoption zu profitieren, jedoch bei Weitem nicht so viele, wie häufig suggeriert wird. Die zahlreichen jungen Ratsuchenden bräuchten vermutlich ganz andere Angebote für ihre Problemlagen, als eine weitere Substanz. Dass Schmerz nicht nur körperlich, sondern auch seelisch verursacht und bewältigt wird, ist lange bekannt und geht in die moderne, multimodale Schmerztherapie ein. Werbebeilagen für medizinisches Cannabis liegen regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt bei. Und jetzt wird auch noch in meiner SZ im Lokalteil ein smarter Neueinsteiger in dieses Geschäft porträtiert. Für mich wirkt der Artikel wie ein (weiterer) verkappter Werbeartikel, Wasser auf die Mühlen des aktuellen Cannabis-Hypes. Dieser wird aus wirtschaftlichen Gründen gepuscht, nicht zum Wohl der Patienten, wie gerne dargestellt. Ich bin beunruhigt und enttäuscht.

Dr. Bettina Rohrer, München

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