bedeckt München

Weitere Briefe:Nürnberger Prestige und Brennerbasisblamage 

Nürnberger Prestigeobjekte

Markus Söder lässt sich nicht lumpen wenn es darum geht, das Prestige seiner Heimatstadt Nürnberg zu mehren ("Beste Lage", 23. Januar). So trägt der Freistaat, also der bayerische Steuerzahler, die Kosten für den offensichtlich überteuerten Mietvertrag der Nürnberger Zweigstelle des Deutschen Museums. Rund drei Millionen Euro Mietkosten pro Jahr für ein Museum, das mit jährlich gerade einmal 30 000 Besuchern kalkuliert, sind ein stolzer Preis.

Ein weiteres prestigegesteuertes Projekt zugunsten der fränkischen Metropole ist die Verlagerung des Gesundheitsministeriums von München nach Nürnberg. Treibende Kraft hinter dem Verlagerungsbeschluss der Staatsregierung vom Juli 2016 war - wie kann es anders sein - Markus Söder in seiner Funktion als Landesentwicklungsminister. Ziel von Behördenverlagerungen ist die Stärkung des ländlichen Raums. In welcher Weise der ländliche Raum durch den Umzug des Gesundheitsministeriums nach Nürnberg gestärkt wird, wird jedoch für immer das Geheimnis von Markus Söder bleiben. Die unsinnige Verlagerung hat zur Folge, dass in Zeiten einer grassierenden Pandemie die oberste Gesundheitsbehörde Bayerns sich mitten im Umzugsprozess befindet. Aktuell geht die eine Hälfte der Ministeriumsmitarbeiter ihrer Tätigkeit von Nürnberg aus nach, während die andere Hälfte der Mitarbeiter sich noch in München befindet.

Zusätzlich geschwächt wird die Funktionsfähigkeit des Ministeriums durch die massive Personalfluktuation, die mit jeder Behördenverlagerung einhergeht. Erfahrene Mitarbeiter, die nicht bereit sind umzuziehen, haben das Ministerium bereits verlassen oder sind auf dem Absprung.

Die Lehre aus den beiden Prestigeprojekten ist eindeutig: Immer, wenn bei einer politischen Entscheidung der Begriff "Prestige" mitschwingt, sollten bei allen Beteiligten die Alarmglocken schrillen, denn "Prestige" steht gleichbedeutend für "nicht durchdacht" und "Geld spielt keine Rolle". Roland Sommer, Diedorf

Brennerbasisblamage

Die Diskussion um die Eisenbahnverbindung nach Tirol steht unter der magischen Zahl "200" - leider nicht im Sinne eines angestrebten Kilometer/Stunde-Wertes, sondern im Sinne des vielstimmigen Schwures, bis zum 200. Jahrestag der Eröffnung der Strecke Rosenheim-Kufstein am 5. August 1858 eine Erweiterung der Kapazität und Erhöhung der Geschwindigkeit um jeden Preis zu verhindern ("Vier aus fünf" vom 29. Januar).

Die Emotionalität des Widerstandes könnte vermuten lassen, dass ein Kernkraftwerk auf dem Wendelstein geplant wird.

Nachdem nun die Einsicht wächst, dass eine großenteils unterirdische Neubautrasse weit mehr Wohn- und Erholungsgebiete entlastet statt andere neu belastet, entdecken Minister und Ministerin Scheuer und Schreyer nun den Zweifel am Bedarf. Schon klar: Der Geschäftsreiseverkehr von Bayern nach Innsbruck, Bozen oder Verona mag doch bitte weiterhin in der Luft stattfinden. Wir wollen ja nicht am Ende auch noch die Flughäfen Memmingen und Hof gefährden. Und 90 Prozent des Güterverkehrs sind doch genau wie die Touristen auf der Autobahn bestens aufgehoben. Wir wollen doch nicht etwa eine Verkehrswende riskieren.

Die Lächerlichkeit im internationalen Maßstab ist uns garantiert. Die Schweiz baut die längsten Tunnel der Welt durch die Alpen, Dänemark die längsten Brücken über die Ostsee. Österreich hat den Wienerwald untertunnelt. Das ach so schlecht regierte Italien hat in aller Stille die 888 Kilometer lange Schnellstrecke Turin - Neapel gebaut. Und Deutschland wird irgendwann nach jenem Jubiläumstag "5. August 2058" fünfzig Jahre für die Ertüchtigung zwischen Ostermünchen und Kiefersfelden gebraucht haben. Andreas Knipping, Eichenau

© SZ vom 01.02.2021
Zur SZ-Startseite