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Was wurde aus...:Kochen gegen Langeweile

Kombüse Catering

Zeit für den Park: Grit Idler und Gyula Tomcsanyi können derzeit nicht arbeiten, weil alle Konzerte abgesagt wurden.

(Foto: Florian Peljak)

Die Auftragsbücher sind leer, die Rezeptbücher nicht: Kombüse Catering verpflegt normalerweise Bands bei Auftritten. Weil die Bühnen leer sind, probieren sie jetzt Neues aus

Ihre Latexhandschuhe haben sie schon an eine Arztpraxis verschenkt. Milch, Säfte, Softdrinks und andere Lagerbestände haben sie an die Tafel abgegeben. Und sie haben Soforthilfe beantragt. Mehr können Grit Idler, 46, und Gyula Tomcsanyi, 40, gerade nicht machen. Ihr Auftragsbuch ist derzeit wie bei vielen Kleinunternehmern leer - wie bei den anderen ist diese Flaute nicht selbst verschuldet. Vor sieben Jahren haben die beiden Münchner Kombüse Catering gegründet. Die Besonderheit: Sie kochen für Bands, die für Konzerte nach München kommen. Da derzeit aber alle Veranstaltungen ausfallen, wird auch kein Catering benötigt. Die Corona-Krise trifft eben nicht nur die Künstler, sondern viele andere, die zu einem Konzerterlebnis beitragen: die Veranstalter, die Techniker, die sich um den Sound und das Licht kümmern, die Crew für den Auf- und Abbau der Bühne, das Personal der Konzerthalle oder des Clubs, Security-Kräfte - und eben auch die Menschen, die für die Verpflegung der Musiker zuständig sind.

An diesem Dienstag hat Gyula Tomcsanyi ein Foto von sich und seinem Arbeitsplatz gepostet. Er steht vor zwei großen Töpfen, füllt mit einer Schöpfkelle eine Suppenschale. Aufgenommen ist das Bild 2015 bei einem Bluegrass-Festival im Amerika-Haus. Auf dem Tisch daneben ist ein kleines Büfett aufgebaut. Es ist eines dieser Foto-Spielchen, von denen es derzeit jede Menge gibt in den sozialen Netzwerken. Nur ein Foto vom Arbeitsplatz, keine Beschreibung. "Ich vermisse euch alle und freue mich auf ein Wiedersehen", mehr hat Tomcsanyi nicht dazugeschrieben.

Wann das sein wird, wissen Grit Idler und Gyula Tomcsanyi nicht. Ihr nächster Auftrag ist bislang für den 28. Juli eingetragen - das Konzert von Agnes Obel. Wenn bis dahin wieder Konzerte stattfinden. Schon jetzt werden allerdings viele abgesagte Konzerte in den Herbst verlegt. Aber auch hier überwiegt die Ungewissheit. Aber was machen die Caterer jetzt, wenn es keine Musiker gibt, die es zu versorgen gilt? Die Antwort ist banal. Neue Kochrezepte ausprobieren. Für vegane Kuchen etwa, wie Grit Idler, die früher im Westend das Café Josefa leitete, erzählt. Ihr jüngstes Experiment: beschwipster Apfelkuchen mit Haselnüssen - vermutlich ein Traum nicht nur für Punkrocker. Am Wochenende wird sie sich an einen Osterzopf mit Cranberrys und Pistazien versuchen. Aber da Musiker vor einer Show auch etwas Handfestes wünschen, arbeiten sie gerade an neuen Pasta-Rezepten und Kartoffelgerichten.

Angenehm in diesen Krisenzeiten: Aktuell können sie ausschlafen. Das ist im Konzertalltag nicht möglich, auch wenn das auf den ersten Gedanken hin verwundert, weil die Auftritte doch erst am Abend sind. Kochen sie etwa für Musiker, die im Zenith auftreten, klingelt der Wecker spätestens um 5 Uhr. Zwei Tage vorher waren sie dann einkaufen, am Tag vorher haben sie ein paar Gerichte vorgekocht, am Morgen wird dann noch frisches Brot besorgt und dann so schnell es geht in die Konzerthalle im Münchner Norden gefahren. Im Zenith ist der Backstagebereich für die Musiker im ersten Stock und somit auch der Arbeitsbereich für Kombüse Catering. Wollen Grit Idler und Gyula Tomcsanyi all die Getränke und Speisen nicht über das Treppenhaus hochtragen, können sie die Hilfe des Gabelstaplerfahrers in Anspruch nehmen - aber das geht nur, bevor der Aufbau beginnt. Während die Crew aufbaut, frühstücken die Künstler.

Bei Konzerten etwa in der Muffathalle geht es ein bisschen später los. Etwa bei ihrem derzeit letzten großen Band-Catering am 21. Februar, die deutsche Hip-Hop-Band Antilopen Gang gastierte in München. 18 Menschen inklusive der Vorband mussten Idler und Tomcsanyi verpflegen. Zum Frühstück gab es Spiegeleier, mittags vegane Karotten-Orange-Kokos-Suppe, abends ungarisches Rindergulasch beziehungsweise vegane Rahmschwammerl und natürlich einen Kuchen. "Da musst du zu zweit schon Vollgas geben", sagt Tomcsanyi, zumal jede Menge Getränkewünsche auf der Liste der Musiker standen. Nicht für eine exzessive Party, sondern eine Reihe unterschiedlicher Getränke, vom alkoholfreien Bier bis zur Apfelschorle.

Auf 125 Konzerten haben Idler und Tomcsanyi im vergangenen Jahr gekocht, die Künstler: The National, Parkway Drive, AnnenMayKantereit, Beirut, Razorlight, Martina Schwarzmann, um nur ein paar zu nennen. Dazu kamen noch Fotoshootings, Videodrehs und einzelne Firmenevents. Auch 2020 lief gut an - doch dann kam die Corona-Krise. Im März wurden zwölf Konzerte abgesagt und somit auch der Catering-Auftrag zurückgezogen, im April waren es neun.

Zuletzt haben die Macher von Kombüse Catering auf ihrer Facebook-Seite Fotos von Musikeressen gepostet. Knuspriger Schweinebraten mit Kartoffeln und Brokkoli. Eine Quarkspeise mit frischen Erdbeeren, Heidelbeeren und Johannisbeeren. Was aber die Vorfreude der beiden Caterer steigert, sind die Erinnerungen an die Musiker. Etwa an Mogli, eine 25-jährige Sängerin aus Berlin. Als sie zum zweiten Mal in München auftrat, begrüßte sie im Backstage-Bereich Grit Idler und Gyula Tomcsanyi, als wären sie Freunde. "Cool, dass ihr wieder da seid", sagte sie damals. "In München bekomme ich von euch immer gutes Essen." So erzählt es zumindest Tomcsanyi.

Die Liste der Bandgeschichten ist lang. Die Musiker der Indie-Elektro-Band The Notwist wünschten sich vor Jahren nach ihrer Japan-Tour unbedingt einen Schweinebraten, die drei Musiker der US-amerikanische Rock-'n'-Roll-Band Social Distortion bestellten sich nach ihrer Show im Zenith Pfannkuchen mit Schokosoße, und der irische Singer-Songwriter Damien Rice konnte sich gar nicht satt essen und nahm weitere Speisen mit in den Tourbus.

Im Backstageraum sind alle gleich. Diese Erfahrung haben zumindest Grit Idler und Gyula Tomcsanyi bislang gesammelt. Ganz egal, ob Calexico oder Feine Sahne Fischfilet - die Musiker fragen, ob sie helfen können und packen mit an, wenn es Dinge zu tragen gibt. "Die meisten sind sehr empathisch", sagt Grit Idler. Und manchmal erfährt man von den Künstlern Dinge, die man so nicht erwartet hatte. Von Winston McCall etwa, Sänger der australischen Metalcore-Band Parkway Drive. Sein ganzer Körper ist tätowiert, bei den Shows schreit er mehr, als er singt. Und im Backstagebereich erzählt er dann den Caterern, dass er sich auf die Rückkehr in seine Heimat freut. Wegen der Koalas. Diese kämen in sein Wohnzimmer, setzen sich auf die Couch und wollen dann gekuschelt werden.

© SZ vom 08.04.2020
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