Vortragsverbot im Gasteig:Meinungsfreiheit geht anders

Antisemitismus-Vorwurf gegen Sommerfeld unsinnig

"Antisemitismus-Vorwurf: Gasteig lehnt Vortrag ab", 19. Januar:

Unverständlicher Akt

Das Kulturzentrum Gasteig lehnt einen beantragten Vortrag der israelisch-deutschen Künstlerin Nirit Sommerfeld über ihre vorübergehende Rückkehr nach Israel ab und beruft sich auf einen Beschluss des Münchner Stadtrats, dass der Antrag von der Initiative BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) gestellt worden sei, der man antisemitische Aktivitäten vorwirft. Die Absage des Vortrages von Nirit Sommerfeld durch das Kulturzentrum Gasteig ist absolut unverständlich. Wir kennen Nirit seit langem unter anderem als engagierte Schülersprecherin am Gymnasium Grafing und verfolgen von Anfang an ihre künstlerische Laufbahn. Sie ist eine echte Aktivbürgerin, die sich stets für Demokratie und Menschenrechte einsetzt, wozu auch ihre Kritik an den zahlreichen Menschenrechtsverletzungen der israelischen Regierung gehört. Dazu gehört aber auch, dass sie sich vehement gegen antisemitische Tendenzen und Aktivitäten wendet. Die Absage des Vortrages dieser jüdischen Künstlerin ist aus zwei Gründen unberechtigt: Erstens ist sie ein eklatanter Verstoß gegen die Meinungsfreiheit in unserem Rechtsstaat, und zweitens wird dadurch erst recht der widerwärtige Antisemitismus in unserem Lande gestärkt. Es ist ausgesprochen unklug, begründete Kritik an Maßnahmen der israelischen Regierung automatisch mit Antisemitismus gleichzusetzen. Wir bitten das Kulturzentrum inständig, diese Absage rückgängig zu machen.

Udo Helmholz, Grafing

Traurige Entwicklung

Anlässlich einer Begegnungsreise haben wir im November des vergangenen Jahres mit Menschen aus unterschiedlichen Organisationen und Lebenszusammenhängen in Israel und im besetzten Westjordanland gesprochen. Wir waren beeindruckt von ihrer Offenheit, wenn sie uns über ihr Leben, über die politische Lage und die Probleme ihres Landes informiert haben. Auf beiden Seiten wurde auch Kritik an der jeweiligen Regierung geübt. Diese Offenheit ist offensichtlich in München nicht erwünscht. Im Gegenteil, mit der Unterstellung, Nirit Sommerfeld würde für BDS werben, wird ihr eine Veranstaltung im Gasteig verweigert. Dass ihr Vortrag mit der BDS-Kampagne nichts zu tun hat und dass Kritik an der israelischen Regierung nichts mit Antisemitismus zu tun hat, wird dabei nicht zur Kenntnis genommen. Hier zeigt sich, was der Stadtratsbeschluss vom 13. Dezember 2017 tatsächlich ist: Ein Maulkorberlass. Auf diese Weise wird Offenheit im Umgang mit aktuellen Problemen in Israel und in den von Israel besetzten Gebieten verhindert in München und zunehmend verunmöglicht - München kann sich so nicht länger seiner Weltoffenheit rühmen!

Erhard Beckers, Krefeld, Claudia Burg, Duisburg, Ingeborg Conrads, Duisburg, Ilke und Dr. Richard Goritzka, Bremen, Cornelia Gutsche-Weber, Duisburg, Bernhard Heilmann, Mülheim/Ruhr, Dr. Brigitte Helbing-Tietze, Göttingen, Dr. Dieter Korczak, Bernau bei Berlin, Günther Leyer, Leverkusen, Gisela und Dr. Götz Schindler, Aßling, Petra und Horst Schlag, Berlin, Marius Stark, Neuss

© SZ vom 29.01.2018
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