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Hebamme in München verhaftet:Versuchter Mord bei der Geburt

Klinikum Großhadern, 2013

Das Klinikum Großhadern - hier soll eine Hebamme versucht haben, vier Mütter bei der Geburt zu töten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vier Mütter und ihre Neugeborenen kämpften um ihr Leben: Eine Hebamme soll im Münchner Klinikum Großhadern vier Frauen im Kreißsaal ein blutverdünnendes Medikament in hoher Dosis verabreicht haben. Nun ermittelt die Mordkommission.

  • Eine Hebamme soll zwischen April und Juni 2014 vier Müttern ein blutverdünnendes Medikament verabreicht haben. Sie brachte damit auch deren Neugeborene in Lebensgefahr.
  • Die Frau wurde inzwischen festgenommen. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes.

Hebamme soll Müttern Heparin gespritzt haben

Eine Hebamme soll in München versucht haben, vier Mütter im Kreißsaal zu töten - und hat auch deren Babys in Lebensgefahr gebracht. Die Vorfälle ereigneten sich bei Kaiserschnittgeburten zwischen April und Juni 2014 im Klinikum Großhadern. Die 33-Jährige soll den Müttern Heparin in hoher Dosis verabreicht haben, obwohl dies medizinisch nicht indiziert war.

Die Frau soll das blutverdünnende Medikament in die Infusionsflaschen gefüllt haben. Jeder mit medizinischen Grundkenntnissen wisse, dass Heparin bei einer Operation nichts verloren habe, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München I bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in München. "Es bestand akute Lebensgefahr."

Lebensbedrohlicher Blutverlust

Nach Polizeiangaben kam es bei den Patientinnen zu einem lebensbedrohlichen Blutverlust, der nur durch "notfallmedizinischen Maßnahmen" gestoppt werden konnte. Sowohl die Mütter als auch ihre Säuglinge kämpften um ihr Leben. Inzwischen geht es ihnen aber wieder gut.

Heparin wird aus der Schleimhaut von Schweinedünndärmen gewonnen. Das Medikament wird normalerweise bei Thrombose eingesetzt. Als Allerweltsmedikament unterliegt es keinen gesetzlichen Auflagen, wie sie zum Beispiel für Arzneien bestehen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Routinemäßig bekommen Patienten nach einer OP das Mittel, oft sogar in Einweg-Spritzen, mit denen sie es sich selbst unter die Bauchhaut spritzen können.

Bei einem Kaiserschnitt, bei dem Bauchdecke und Gebärmutterwand durchschnitten werden, was ohnehin schon zu starken Blutungen führt, ist die verminderte Blutgerinnung jedoch fatal. Schon bei einem Verlust von weniger als der Hälfte der körpereigenen Blutmenge - durchschnittlich fünf bis sechs Liter - verliert der Patient das Bewusstsein und stirbt schließlich, wenn keine Gegenmaßnahmen, etwa durch Bluttransfusionen, eingeleitet werden.

Klinik stellte Strafanzeige

Die Hebamme, seit 2012 beim Klinikum Großhadern fest angestellt, wurde bereits am vergangenen Freitag an ihrem Arbeitsplatz festgenommen und sitzt nun in Untersuchungshaft. Zunächst stritt sie alle Vorwürfe ab, nach Absprache mit ihrer Anwältin habe sie sich dann aber dazu entschieden, keine weiteren Angaben zu machen. Ihr Motiv ist bislang unklar.

Aufgedeckt wurde der Fall, weil das Krankenhaus selbst Anzeige gestellt hatte. Dort war aufgefallen, dass es bei den Kaiserschnittgeburten zu Blutungen mit einer auffälligen Veränderung des Blutgerinnungssystems gekommen war. Die Hebamme aus dem Münchner Umland, ledig und kinderlos, war die Einzige, die bei allen vier kritischen Geburten dabei war.

Mordkommission ermittelt

"Das Krankenhaus hat alles gemacht, um den Sachverhalt aufzudecken", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Ohne deren Anzeige wären die Fälle gar nicht bekannt geworden." Am Nachmittag soll es im Klinikum Großhadern eine Pressekonferenz geben.

Die Mordkommission ermittelt nun wegen versuchten Mordes in vier Fällen. Der Vorwurf könnte allerdings auf acht Fälle ausgeweitet werden, weil auch die Kinder in Lebensgefahr schwebten. Der Sprecher der Staatsanwalt sieht das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Sollten die Vorwürfe stimmen, habe die Frau "bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer" ausgenutzt.

Bevor sie als angestellte Hebamme an das Klinikum Großhadern kam, hat die Frau in Krankenhäusern außerhalb Bayerns gearbeitet. Die Polizei will nun auch ihre früheren Arbeitgeber kontaktieren. Die Ermittlungen werden wohl noch eine Weile dauern.

© SZ.de/wim/ffu/afis/bica
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