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Verpflichtende Maßnahmen:Um jedes Grad kämpfen

18 Münchner Unternehmen unterzeichnen den Klimapakt

Mit jeder Folie, die Peter Höppe in der Bibliothek des Literaturhauses präsentiert, kann man ein bisschen mehr den Glauben verlieren, dass das irgendwann nochmal etwas werden soll mit dem Klima. Höppe ist Meteorologe und Biologe, er sitzt unter anderem im Vorstand des Weltklimaforums, einem Forschungsverbund. Früher war er Chef der Abteilung "Geo Risiko Forschung" bei der Munich Re, dort wo sie sich auskennen mit Katastrophen.

Den Anzug- und Entscheidungsträgern der versammelten Münchner Wirtschaft zeigt Höppe die großen Linien auf. Die fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen? 2014 bis 2018. CO2-Ausstoß im Vorjahr? 37 Milliarden Tonnen, Rekordhoch. Oberflächentemperatur der Ozeane? Stetig am Steigen. Packeis-Fläche an den Polen? Stetig am Schwinden. Die Folgen, auch in München und Umgebung spürbar: Rekordsommer, stärkere Gewitter, heftiger Hagel, bis hin zu Hochwasser wie im Juni am Ammersee oder vor wenigen Jahren in Niederbayern.

Vor diesem Hintergrund ist der zweite Klimapakt zu sehen, den Vertreter von Stadt und Münchner Unternehmen am Montag unterzeichnet haben (wahlweise "Klimapakt hoch zwei" oder "2.0"). Es ist eine freiwillige Selbstverpflichtung, mehr vom schädlichen Kohlenstoffdioxid (CO₂) einzusparen. "Es freut mich sehr, dass wir in eine neue Runde starten", sagt Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU), dessen Haus den Pakt betreut.

Der Klimapakt ist Teil des Pakets von mehr als 100 Maßnahmen, mit denen München bis zum Jahr 2050 "weitgehend klimaneutral" werden will, wie Umweltreferentin Stephanie Jacobs sagt. 2016 startete die erste Ausgabe des Pakts. 13 Münchner Unternehmen und drei Partner, darunter BMW, Siemens und MAN, verpflichteten sich dazu, binnen zwei Jahren 40 000 Tonnen CO₂ einzusparen. Am Ende wurden es dann fast 50 000. Beim zweiten Pakt kamen nun noch einmal zwei Unternehmen dazu. Nun sollen noch einmal 20 000 zusätzliche Tonnen eingespart werden.

Das geht nicht nur in der Schwerindustrie, sondern auch bei typischen Bürohäusern wie von der Versicherungskammer Bayern oder dem Europäischen Patentamt. Etwa indem sie ihre Standorte umweltschonend beleuchten, den Fuhrpark umrüsten oder Kantinen regional beliefern lassen. Auch sollen sich die Unternehmen in Workshops austauschen.

"Es muss klar sein, dass wir ohne die großen Unternehmen den Wandel im Klimaschutz nicht hinbekommen werden", sagt Martin Glöckner, Geschäftsführer von Green City. Aber was sind schon ein paar tausend Tonnen Einsparung bei den Milliarden, die weltweit ausgestoßen werden? Aufzugeben und zu verzweifeln könne aber nicht die Lösung sein, sagt Glöckner. "Wir müssen um jedes Zehntelgrad kämpfen." Auch sei zu beachten, dass große Münchner Unternehmen wie zum Beispiel BMW weltweit Standorte unterhalten, auf die sich der Klimapakt auswirken könne.

Martin Hänsel vom Bund Naturschutz in München sagt auf SZ-Anfrage, es seien die "absoluten low hanging fruits", auf die der Pakt abziele. Zum Vergleich: Die Abschaltung des Kohlekraftwerk Nord brächte fast zwei Millionen Tonnen CO₂-Einsparung jährlich. Da nähmen sich 20 000 oder 40 000 Tonnen eher winzig aus, auch wenn Hänsel den Willen der Wirtschaft generell sehr begrüßt. "Der Pakt ist aber ein deutliches Zeichen, dass es stärkere staatliche Vorgaben braucht", sagt Hänsel.

Auch den Grünen und der Rosa Liste im Stadtrat geht der Pakt nicht weit genug. "Leider bleibt das dieser Kooperation zugrunde liegende Reduktionsziel hinter dem Notwendigen zurück", sagt Grünen-Vorsitzende Katrin Habenschaden auf Anfrage. Das Pariser Klimaabkommen, zu dem sich die Stadt bekenne, sei nur einzuhalten, wenn München schon im Jahr 2035 klimaneutral sei, und nicht erst 2050. Angesichts des enormen Einsparbedarfs stelle sich auch die Frage, warum das Ziel in der zweiten Ausgabe des Pakts von 40 000 auf 20 000 Tonnen Einsparung halbiert wurde. "Das liest sich nicht sehr ambitioniert", sagt Habenschaden.