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Gleichberechtigung:"Es gibt keinen Grund, darin nachzulassen"

Christa Weigl-Schneider ist seit 2012 Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen.

(Foto: Robert Haas)

Vor 125 Jahren gegründet, hat der Verein für Fraueninteressen in Bezug auf Gleichberechtigung viel erreicht. Und doch sieht er sich längst nicht am Ziel.

Nach Emanzipation oder gar Revolution klang der Name des Zusammenschlusses nicht gerade, obwohl er seinen Ursprung in der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts hatte. Münchner Frauen aus dem Groß- und Bildungsbürgertum gründeten vor 125 Jahren, im Mai 1894, die "Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau". Dabei ging es aber nicht um gepflegte Freizeitgestaltung unter höheren Töchtern, sondern um Aufbruch zu Neuem. Zu den Initiatorinnen gehörte Anita Augspurg, die als eine der wichtigsten Vertreterinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung gilt, rebellisch im Geist, unkonventionell im Lebensstil. "Der recht harmlos klingende und umständlich formulierte Vereinsname war ein Zugeständnis an die repressiven vereinsrechtlichen Bestimmungen in Bayern, die bis 1908 ,Frauenspersonen' jegliche politische Aktivität untersagten", berichtet die Politikwissenschaftlerin Monika Schmittner, die sich in ihrer Promotion mit der Gründungsgeschichte befasst hat.

Schon 1899 wurde aus der Gesellschaft der "Verein für Fraueninteressen e.V.", der sich um bessere Bildungs- und Berufschancen für Frauen bemühte und für die Gleichstellung der Frau eintrat. Unter der Führung von Ika Freudenberg, die bis 1912 Vorsitzende war, trug der Verein den Diskurs über die "Frauenfrage" in die Öffentlichkeit und machte sich für die Interessen der Frauen stark. Dazu gehörte auch, praktische Unterstützungsangebote für Frauen aufzubauen, wie etwa eine Rechtsschutzstelle oder eine "Auskunftsstelle für Frauenberufe". Unter Luise Kiesselbach, Vorsitzende von 1913 bis 1929, wurde die soziale Arbeit weiter ausgebaut. Ohne allerdings ein großes Ziel aus den Augen zu verlieren: Der Verein setzte sich maßgeblich "für einen der wichtigsten historischen Meilensteine der Frauenbewegung" ein, wie die heutige Vorsitzende, Christa Weigl-Schneider, betont: das vor 100 Jahren eingeführte Frauenwahlrecht. Schon damals gab es Stimmen, dass damit das Ziel der Gleichberechtigung erreicht sei. Luise Kiesselbach aber trat erfolgreich für den Fortbestand des Vereins ein.

Luise Kiesselbach

Luise Kiesselbach baute die soziale Arbeit aus.

(Foto: SZ-Photo)

Auch 100 Jahre später sieht sich der Verein noch nicht am Ziel. "Es gibt keinen Grund, darin nachzulassen", sagt Christa Weigl-Schneider, "die in unserer demokratischen Grundordnung verankerte, gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einzufordern und umzusetzen". Allein schon ein Blick in die Parlamente macht deutlich, dass dahin noch ein weiter Weg ist: Der Frauenanteil im Bundestag stagniert bei kaum mehr als 30 Prozent, im Bayerischen Landtag liegt er noch deutlich darunter.

Das zu ändern, hat sich das Münchner Aktionsbündnis Parité in den Parlamenten vorgenommen, das 2014 auf Initiative vom Verein für Fraueninteressen und dem Stadtbund Münchner Frauenverbände gegründet wurde. Das Bündnis, das immer mehr Unterstützerinnen und Unterstützer findet, will erreichen, dass alle Parteien gesetzlich verpflichtet werden, ihre Wahllisten paritätisch, also je zur Hälfte mit Frauen und Männern, zu besetzen, so wie das bei SPD, Grünen und Linken schon Usus ist. "Der Kampf um die gleichberechtigte Teilhabe in der Wirtschaft und in der Politik verbindet uns immer noch mit der Gründerinnengeneration", erklärt Christa Weigl-Schneider, die seit 2012 Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen ist. "Die Wahllisten müssen endlich paritätisch besetzt werden, damit mehr Frauen in die Parlamente kommen." Nur so hätten Frauen auch Chancen, politische Themen durchzusetzen.

Offene Türen

Zu seinem 125-jährigen Bestehen lädt der Verein für Fraueninteressen zu einem Nachmittag der offenen Türen am Freitag, 10. Mai, von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr in allen seinen 13 Einrichtungen ein, die rund um den Isartorplatz verteilt sind. In der Rumfordstraße 21a erwartet das Projekt "Juno - eine Stimme für Flüchtlingsfrauen" die Besucher. In der Rumfordstraße 25 widmet sich der Verein einer schwierigen Aufgabe, dem betreuten Umgang: Helfer sorgen dafür, dass der Besuchskontakt zwischen dem getrennt lebenden Elternteil und dem Kind frei bleibt von Konflikten der Eltern. In der Rumfordstraße 25 findet sich neben der Seniorenbörse auch das Münchner Frauenforum, das Frauen persönliche und maßgeschneiderte Beratung vor allem rund um den Beruf anbietet, und der Offene Treff für Frauen aus aller Welt. In der Thierschstraße 15 (3. Stock) unterhält der Verein das Projekt "Fit-Finanztraining", eine Haushaltsbudgetberatung, um die finanzielle Situation in den Griff zu bekommen. Die Hauswirtschaftliche Beratung in der Thierschstraße 17 (1. Stock) kümmert sich längerfristig um verschuldete Familien in Not. Unter der gleichen Adresse befinden sich die Projekte Zu Hause Gesund Werden, Neuer Start, Spurwechsel ab 55 und "fremd-vertraut". In der Liebherrstraße 5 (Rückgebäude) sind Tatendrang und Lesezeichen zu Hause. loe

Der Verein mit seinen rund 280 Mitgliedern hat immer auch in der praktischen sozialen Arbeit neue Ideen eingebracht. Verknüpft damit ist die Entstehung des Frauenhauses 1978, das sich bald in eigenständiger Trägerschaft der Frauenhilfe etablierte. Der Verein wuchs auch so zum Sozialunternehmen, das 13 Einrichtungen unterhält, etwa 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie mehr als 600 Ehrenamtliche beschäftigt. Seine soziale und emanzipatorische Arbeit zeichnete die Stadt 2011 mit dem Anita-Augspurg-Preis zur Förderung der Gleichberechtigung aus.

Was Ungleichbehandlung bedeutet, hat Christa Weigl-Schneider nach ihrer Zulassung als Rechtsanwältin 1992 erlebt. Im Familienrecht hätten Rechtsanwältinnen eher die Prozesskostenhilfemandate von Frauen bekommen, die kein eigenes Einkommen hatten: "Rechtsanwälte dagegen haben mehr verdient, weil sie eher die Männer vertraten, die gearbeitet hatten und die Regelsätze bezahlen konnten." Wichtiges sei zwar seit Anita Augspurg erreicht worden, resümiert Helga Ziegler, Vorsitzende von 2006 bis 2012, aber die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern bleibt Thema: "Dazu gehört nicht nur die geringere Entlohnung von Frauen, sondern auch der Effekt, dass das Lohnniveau in Berufsgruppen absinkt, wenn sich der Frauenanteil dort erhöht. Viele sogenannte Frauenberufe sind sehr schlecht bezahlt."

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