Unterricht in den Ferien Physik, die Spaß macht

Im Lerncamp Ekkiko lernen Kinder, wie das Universum entstanden ist - und lassen selbst gebastelte Raketen fliegen

Von Melanie Staudinger

Es gehört schon einiges an Erfahrung dazu, um eine Horde von 33 Kindern zu bändigen. Thomas Andert aber fällt das an diesem Mittwoch nicht besonders schwer. Alle Augen sind sofort auf das Mitbringsel gerichtet, das der Geophysiker da auf die Wiese an der Grundschule an der Grafinger Straße gestellt hat. In Orange und Blau leuchtet die Rakete, die Andert mit Hilfe seines Sohnes gleich starten wird. Doch vorher müssen, wie bei einem richtigen Raketenstart auch, einige Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. "Alle gehen bitte zwei Meter nach hinten, sonst werdet ihr nass", sagt Andert. In seinem wirklichen Leben arbeitet er bei der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Dort hat er zum Beispiel kürzlich die Daten einer Raumsonde ausgewertet, die auf einem Kometen gelandet und am Mars vorbei geflogen ist. Heute aber ist er zu Gast bei Ekkiko, einem Ferienlerncamp für Grundschulkinder, das die Initiativgruppe "Interkulturelle Begegnung und Bildung" zusammen mit der Stiftung "Kick ins Leben" veranstaltet.

Das Motto in diesen Ferien lautet "Unser Universum". Auf spielerische Art lernen die Kinder das Planeten- und Sonnensystem kennen, erfahren Spannendes über die Luft- und Raumfahrttechnik und wie das Universum entstanden ist. Kein Wunder also, dass die Kinder in Gruppen eingeteilt sind, die Merkur, Mars, Jupiter, Venus und Erde heißen. Vormittags gibt es einen kleinen Theorieteil, nachmittags steht Sport auf dem Stundenplan - Volleyball, Tanzen und Fußball. Die Kinder lernen ein eigenes Feriencamplied, "Astronaut" von Sido und Andreas Bourani, allerdings mit einem kindgerechten Text. Und wenn es schon ums Universum geht, darf der Moonwalk von Michael Jackson nicht fehlen.

Ist ja ganz leicht: Die achtjährige An lässt ihre selbstgebastelte Papier-Rakete fliegen.

(Foto: Robert Haas)

Andert erzählt, warum ein Tag auf der Venus länger ist als auf der Erde (weil sie sich so langsam um die eigene Achse dreht) oder wieso es nicht überall im Universum schneit (weil es nicht überall Wasser gibt). Er erklärt, welche Planeten einen Mond haben und welche Ringe und was eine Atmosphäre ist. Dann dürften die Kinder eine kleine Papierrakete bauen, die sie mit einem Strohhalm starten lassen können.

"Mir hat am besten der Mars gefallen", sagt Hassan. Der Neunjährige besucht die Grundschule an der Grafinger Straße, wie die meisten anderen Kinder hier auch. Schon zum zweiten Mal nimmt er am Ferienprogramm teil. "Das ist ein bisschen wie Urlaub", sagt der Drittklässler. Viel Spaß habe er am Volleyballspielen, das hat er vorher noch nicht ausprobiert. Sara und An, ebenfalls von der Grundschule an der Grafinger Straße, können sich gleich gar nicht entscheiden, was sie am Lerncamp am besten finden. "Alles", sagen die beiden Achtjährigen, die gerade mit ihren selbstgebastelten Raketen spielen. Vor allem aber gefalle ihnen, dass die Kinder die Erwachsenen beim Völkerball besiegt hätten. "Es ist viel schwerer, die kleinen Kinder zu treffen als uns große Erwachsene", sagt Betreuer Markus Decker und lacht. Die beiden Mädchen kichern mit.

Genauso soll es auch sein: Die Kinder sollen Spaß haben am Lernen. Schon seit 2013 engagiert sich die Stiftung "Kick ins Leben" für Kinder, die schlechtere Starbedingungen haben als ihre Altersgenossen - sei es, weil ihnen ausreichende Sprachkenntnisse fehlen, sie noch nicht richtig lesen können oder weil sie aus einer bildungsfernen Familie stammen. Die mehrtägigen Feriencamps sollen die sprachlichen, sozialen und motorischen Fähigkeiten der Kinder stärken und ihnen damit auch mehr Selbstbewusstsein geben. Etwa acht Camps pro Jahr finden statt, wie Clifton Rajesh Grover, Geschäftsführer von "Kick ins Leben" erklärt. Es gibt ein Angebot für Vorschulkinder namens Spokita, Ekkiko für die Grundschulkinder, Querpass Zukunft für Mittelschüler und Beo, also Berufsorientierung, sowie Schülerpower für diejenigen, die am Übergang zwischen Schule und Beruf stehen. Die Camps finden in Milbertshofen, Neuaubing, Sendling-Westpark, Neuperlach und Berg am Laim statt. Im Jahr investiert die Stiftung etwa 800 000 Euro in die Programme, wie der Geschäftsführer erklärt.

Johann (vorne) hilft beim Start der wasserbetriebenen Rakete, die sein Vater Thomas Andert mitgebracht hat.

(Foto: Robert Haas)

Bisher stand alleine der Sport im Mittelpunkt. "Erstmals haben wir uns dieses Mal einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt ausgesucht", sagt Manfred Bosl, Geschäftsführer der Initiativgruppe. Grund für diese Entscheidung seien die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie gewesen. Demnach haben Jugendliche oft wenig Lust auf Naturwissenschaften und Technik, selbst wenn sie gut in diesen Fächern sind. Das Feriencamp solle die Neugierde wecken und nebenbei auch Fachbegriffe vermitteln, die die Kinder später brauchen werden. "Wir sind dieses Mal überrascht, wie viel die Kinder schon wissen", sagt Betreuer Valentin Walch.

Dass Andert als Gastdozent auftritt, ist kein Zufall, seine Frau engagiert sich in der Initiativgruppe. Die Kinder sind so gespannt auf seine Wasserrakete, dass sie gar nicht merken, wie viel sie bei der Aktion lernen. Im Inneren des Flugkörpers befindet sich nämlich eine Plastikflasche, zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Andert pumpt Luft dazu. Der Druck lässt die Rakete schließlich im hohen Bogen fliegen, das Wasser läuft währenddessen unten heraus. Die Kinder applaudieren und kreischen. "Nochmal", rufen sie. So macht Physik eben Spaß.