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Uni-Projekt:Was ist zu Hause?

Lisa Nguyen, 21, dokumentiert Geschichten der Menschen, die aus Vietnam nach Deutschland gekommen sind

Von Ornella Cosenza

Ein Sommertag im Juni. Lisa Nguyen fotografiert Familie Pham in deren Haus in Prien am Chiemsee. Nicht zum Spaß, sondern für ihre Semesterarbeit an der Uni. Lisa Nguyen, 21, studiert Fotodesign in München. "Ich mache sonst eher viel Modefotografie. Das hier ist jetzt etwas ganz anderes. Es geht mehr um die Persönlichkeiten, um die Menschen an sich", sagt Lisa. Eine andere Art von Bildsprache. Die Personen, die Lisa für ihr Fotoreportage-Projekt porträtiert, sind keine professionellen Models. Das müssen sie in diesem Fall auch gar nicht sein. Lisas Arbeit für die Uni ist eine Besondere. Die Idee dazu entspringt ihrer persönlichen Geschichte, der Geschichte ihrer Familie und vieler anderer Vietnamesen in Deutschland.

Seminararbeit von Lisa Nguyen

"Wie war das damals eigentlich für meine Eltern, als sie nach Deutschland gekommen sind?", fragt sich Lisa Nguyen. Ihre Mutter (Mitte), mit 21 Jahren.

(Foto: Privat)

Rückblick. März 2020, Vietnam. Lisa sitzt in einem Café. Sie sieht sich um. Sie ist alleine. "Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken", sagt sie über diese Zeit. Es ist das erste Mal, dass sie alleine in Vietnam unterwegs ist. Sie kennt das Land, die Menschen, die Gerüche. Sie ist vertraut mit der Sprache und der Kultur. Vietnam - das Heimatland ihrer Eltern. Ihre Großmutter lebt dort. Lisa beobachtet die Menschen um sich herum. Dann schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf: "Das könnte ich sein." Sie könnte das Mädchen sein, das gerade in diesem Moment an ihr vorbei geht. Sie fragt sich: "Welcher Mensch wäre ich geworden, wenn meine Eltern nicht nach Deutschland gekommen wären?" Eine Frage, die für Lisa unbeantwortet bleibt - sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Es ist aber eine Frage, die noch weitere aufwerfen wird. "Wie war das damals eigentlich für meine Eltern, als sie nach Deutschland gekommen sind? Für alle anderen Menschen, die aus Vietnam in ein anderes Land migriert sind? Was haben sie erlebt? Wie leben sie jetzt?"

Seminararbeit von Lisa Nguyen

Cao Thai Pham tennisspielend im Keller.

(Foto: Lisa Nguyen)

Die Reise im Frühjahr, bevor Corona alles lahmgelegt hat, hat sie zu dem Projekt an der Uni inspiriert. Lisa Nguyen will in Bildern die Geschichten der Menschen dokumentieren, die aus Vietnam nach Deutschland gekommen sind. Sie möchte diese Menschen und ihre Narrative sichtbar machen. "Auch als Wertschätzung, für das was sie geleistet haben. Für die Dinge, die sie erlebt haben. Und auch, um mit Klischees aufzuräumen", sagt Lisa.

Als sie zurück in Deutschland ist, sucht Lisa das Gespräch mit ihren besten Freunden, die zum Teil auch Eltern oder Großeltern mit Einwanderungsgeschichte haben. "Sie fanden die Idee zu meinem Reportage-Projekt sofort gut, weil sie sich selbst auch ein bisschen damit identifizieren konnten", sagt die junge Studentin. Kurze Zeit später postet sie über ihren Instagram-Account einen Aufruf: Sie sucht nach Vietnamesen mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Noch am selben Tag bekommt sie etliche Rückmeldungen. "Es war überwältigend und hat mich sehr berührt, zu sehen, dass viele Menschen Interesse hatten, die Fremde waren, und die mir ihre persönliche Geschichte erzählt haben", sagt sie. Es sei verrückt gewesen "wie viele sich plötzlich für mich, eine unbekannte Fotografin, und ihr Uniprojekt interessiert haben".

Seminararbeit von Lisa Nguyen

Familie Pham lebt seit seit fast 40 Jahren in Deutschland.

(Foto: Lisa Nguyen)

Lisa schreibt Mails, führt stundenlange Gespräche mit Fremden via Zoom und Facetime, die ihr ihre Geschichten erzählen. Nähe und Verbundenheit entstehen in den Gesprächen, denn man hat eine Gemeinsamkeit. Erste Shooting-Termine werden vereinbart. Außerdem sieht Lisa sich alte Fotos ihrer Eltern an: Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt ihre Mutter in einer Flüchtlingsunterkunft in Zwickau in den Achtzigerjahren. Solche persönlichen Erinnerungsstücke sollen ihrer Arbeit am Schluss beigefügt werden. Für ihr Uniprojekt will sich Lisa vorwiegend auf die erste Generation migrierter Vietnamesen in Deutschland konzentrieren. "Die meisten Menschen kamen zwischen Mitte/Ende der Siebziger- bis Ende der Achtzigerjahre nach Deutschland." In der Folge des Vietnamkriegs flohen viele Menschen aus dem Land. Andere wiederum kamen als Vertragsarbeiter in die damalige DDR - und blieben. So auch Lisas Eltern, die 1987 und 1988 nach Deutschland kamen.

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt und im Umland verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Auf dieser Seite werden sie Montag für Montag vorgestellt - von jungen Autoren für junge Leser. Lust mitzuarbeiten? Einfach eine E-Mail an die Adresse jungeleute@sueddeutsche.de schicken. Weitere Texte findet man im Internet unter http://jungeleute.sueddeutsche.de oder www.facebook.com/SZJungeLeute. SZ

Unter allen Gesprächen, die Lisa geführt hat, waren für sie vor allem die Geschichten jener Menschen ergreifend, die nach dem Krieg als sogenannte "Boatpeople" geflohen sind. Auch Peter Ha und Cao Thai Pham, die sie am Chiemsee besucht hat, kamen als Boatpeople. "Diese Menschen haben alles hinter sich gelassen. Sie haben ihr Leben riskiert, sind mit Booten auf dem offenen Meer unterwegs gewesen, damit sie und ihre Kinder es eines Tages besser haben. Tagelang waren sie unterwegs. Diese kleinen Boote wurden sogar von Piraten angegriffen. Es kam zu Gewalt. Einige haben so ihr Leben verloren. Den Frauen wurde oftmals Schreckliches angetan", sagt Lisa.

Lisa Nguyen hat sich auf eine spannende Spurensuche begeben.

(Foto: Anne Schwarzelt)

Obwohl die Studentin eine klar eingegrenzte Protagonisten-Gruppe für ihr Fotoreportage-Projekt hat, merkt sie schnell: Vor allem junge Menschen aus ihrer Generation, also Kinder und Enkelkinder vietnamesischer Einwanderer in Deutschland, haben auch etwas zu erzählen. Sie sind sogar offener als die Älteren. Sie wollen erzählen. Vom Aufwachsen in zwei Kulturen. Von Identitätsfindung und Zugehörigkeit. "Ich habe durch dieses Projekt eine riesige Community kennengelernt. Das ist total schön, man fühlt sich verbunden, obwohl man sich vorher nicht kannte", sagt Lisa. Weil sie nun mehr Material hat, als sie für ihre Semesterarbeit verwenden kann, möchte sie das Projekt jenseits der Uni weiterführen. Es ist ihr Herzensprojekt. "Ich will ein Buch daraus machen." In ihrer Uniarbeit werden die Fotografien durch Texte ergänzt, die auf den geführten Gesprächen während der Shooting-Besuche basieren.

In Prien am Chiemsee stellt sich Familie Pham im Garten auf: Großvater, Vater und Mutter, die beiden Kinder. Drei Generationen auf einem Bild. "Die Geschichten unserer Großeltern oder Eltern sind auch unsere eigenen Geschichten. Auch wenn wir vieles davon nicht selbst erlebt haben, sind sie ein Teil unserer Identität. Wir tragen die Geschichten weiter. Sie prägen uns. Und sie tragen dazu bei, wer wir heute sind", sagt Lisa.

© SZ vom 13.07.2020
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