bedeckt München 18°

Ungewöhnliche Demonstration:Rund um die Uhr auf dem Wasser

Die Floßlände in Thalkirchen ist der Ursprungsort des Flusssurfens in München und die einzige wirkliche Anfängerwelle der Stadt.

(Foto: Robert Haas)

Surfer demonstrieren mit viel Ausdauer für mehr Wellen in der Stadt

Von Linus Freymark

Die Welle, um die es Franz Fasel und Michael Walter geht, präsentiert sich am Freitag gegen 17 Uhr in Höchstform. Kraftvoll türmt sich das Wasser auf, fällt zusammen, fließt sprudelnd ab. Fasel, Walter und den anderen Mitgliedern der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM) ist dieser Anblick so wichtig, dass sie sich zu einer irrwitzigen Aktion entschieden haben: mehr als 24 Stunden sind sie an diesem Wochenende an der Surferwelle an der Floßlände gewesen, haben dort geschlafen und sind gesurft. Eine "Spaßaktion" sollte das Event, das sich eher nach klammen Fingern und klappernden Zähnen als nach Vergnügen anhört, laut Michael Walter zum einen sein. Zum anderen wollten die Surfer damit erneut auf ein altbekanntes Problem in München aufmerksam machen: Zu wenige Wellen für zu viele Surfer.

Für die nach Schätzungen der IGSM 2000 bis 3000 Surfer in der Stadt gibt es neben den beiden Wellen im Englischen Garten nur noch den Spot an der Floßlände. "Die Welle hier ist auch die einzige, die anfängertauglich ist", erklärt Walter. In den vergangenen Jahren können die Surfer die Welle jedoch nur noch eingeschränkt nutzen, da immer mehr Wasser aus dem Nebenarm der Isar, in dem sich der Surfspot befindet, zur Stromerzeugung in das nahe Wasserkraftwerk geleitet wird. Seitdem hat die Welle nur noch wenige Stunden am Nachmittag genug Wasserdruck, um zum Surfen genutzt werden zu können. In diesem kleinen Zeitfenster sei die Welle dementsprechend oft überfüllt, erzählt Franz Fasel: "Da stehen dann 40 Leute da."

Für das Event am Wochenende hat die IGSM dreimal so viele Menschen erwartet. Wegen eines Wasserüberschusses, den der Kanal zur Zeit hat, ist es möglich, auch außerhalb der üblichen Zeiten zu surfen. Fasel, Walter und ihre Kollegen haben einen Pavillon mit Bierbänken aufgestellt, aus einem Lautsprecher dröhnt ein Mix aus Techno und Reggae. Fasel verkauft Getränke, am besten geht Bier. Im Wasser geben sich die Surfer die Bretter in die Hand, alle paar Sekunden stürzt sich ein anderer in die Welle, kurvt auf ihr herum, strauchelt, stürzt, der Nächste ist dran. Als es dunkel wird, stellen sie Scheinwerfer auf. "Zeigen, was möglich wäre", wolle man mit der Surfaktion, sagt Walter. Die Lobby der Münchner Surfer möchte den städtischen Behörden, dem Verhandlungspartner in den Gesprächen über Surfspots, ihre Größe demonstrieren. Dafür nehmen die surfenden Idealisten auch die nächtliche Kälte in Kauf, die trotz des tagsüber sonnigen Herbstwetter herrscht.

Denn Michael Walter hat das Gefühl, die Stadt würde die Surfer nicht genug bei der Suche nach neuen Wellen und einer flexibleren Nutzung des Spots an der Floßlände nicht genügend unterstützen: "Stadt und Verwaltung stehen ein bisschen auf der Bremse", sagt er. Dabei schmücke sich München gerne mit dem Prädikat "surferfreundlich", viele Touristen kämen, so Walter, deshalb in die Stadt. Um diese Position im Vergleich mit anderen Städten nicht zu verlieren, müssten dringend neue Surfspots gefunden werden und die bestehenden erhalten bleiben, fordert die IGSM. Dafür haben sie sich am Wochenende getroffen, haben gefeiert und sind gesurft. Irgendwann sind Walter und Fasel dann zum Schlafen in ihre Schlafsäcke gekrochen. Es dürfte eine zapfige Angelegenheit gewesen sein.

© SZ vom 08.10.2018
Zur SZ-Startseite