Und jetzt? "Hier ist es ein bisschen langweilig geworden"

Marcel Ostertag, einer der angesagtesten Modedesigner Münchens, zieht nach Berlin - ausgerechnet nach Charlottenburg

Interview von Ruth Schneeberger, München/Berlin

Marcel Ostertag, Jahrgang 1979, entwickelte sein Gespür für Modedesign an der Esmod in München und später am Central Saint Martins College in London. Seit seinem Abschluss 2006 lebte und arbeitete er im Gärtnerplatz-Viertel, doch jetzt packt er für den Umzug.

SZ: Worum geht es in Ihrer aktuellen Kollektion?

Marcel Ostertag: Der Titel lautet "Rain". Das Wasser ist das dritte Element, vorher habe ich schon mit Feuer und Erde experimentiert. Mir geht es nicht um Trauriges oder Dunkles, sondern um den Neuanfang. Der Regen wäscht alles sauber.

Welchen Neuanfang?

Zum Beispiel meinen eigenen: Ich gehe nach Berlin. Im Februar ziehe ich um und eröffne in Charlottenburg ein Atelier.

Sie verlassen München? Warum?

Ich liebe den Gärtnerplatz, wo ich bislang lebe und arbeite. Und vor allem den Viktualienmarkt, wo ich jeden Morgen meinen frischen O-Saft trinke. Aber ich war jetzt zehn Jahre in München, ich möchte etwas Neues machen. München ist ein bisschen langweilig und saturiert geworden.

Während der Fashion Week erklärte Marcel Osterberg, dass er München verlässt und in die Hauptstadt zieht.

(Foto: Getty Images)

Und dann ziehen Sie nach Charlottenburg? Ist das nicht ähnlich?

Ja, aber ich wusste von meinen Besuchen aus Berlin, dass ich nicht in Berlin-Mitte leben kann. Alle meine Freunde und Kollegen sind da ständig unterwegs, da käme ich nicht zum Arbeiten. In Charlottenburg wohnen viele Kunden, da herrscht eine professionellere Atmosphäre.

Zieht man denn jetzt noch nach Berlin? Die Hauptstadt ist ja gar nicht mehr so hip, wie sie mal war.

Berlin hat für mich einfach unglaublich viel Weite, hier gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Außerdem bin ich sowieso ständig wegen der Arbeit dort.

Berlin ist nicht die einzige Neuigkeit, die Sie auf der Fashion Week verkünden.

Nein, ich zeige hier nur einen Teil meiner neuen Kollektion. Den zweiten Teil zeige ich diesmal in New York, auf der Fashion Week im Februar. Ich wurde offiziell eingeladen, weil ich ein Stipendium bekommen habe, und werde die nächsten zwei Saisons in New York zu sehen sein.

Mit dem Smartphone bei der Modeschau: Viele Zuschauer verfolgten und fotografierten die neuen Stücke des Münchner Modedesigners.

(Foto: Getty Images)

Was macht Ihre Kollektion denn diesmal aus? Wie kleiden Sie die Damen?

Wir haben zum Beispiel ein Muster entwickelt, das aussieht, als ob Regentropfen an einer Scheibe herunterlaufen. Dann haben wir Comic-Style-Tropfen von einer deutschen Strickerei machen lassen. Die Materialien sind edel, mit Strick, Seide und Kaschmir. Die Silhouette ist sehr lässig, mit Bundfaltenhosen. Und dann haben wir noch ein Material für unsere Regenmäntel in Italien gefunden: Das ist transparent, aber ganz weich.

Die Farbe Blau ist wieder da, auch bei Ihnen.

Mittlerweile ist alles erlaubt. Ich mache kein Trend-Researching. Das Neongelb zum Beispiel hatte ich schon zwei Kollektionen vor Michalsky.

Kann man denn Neonfarben wirklich noch tragen?

Wenn Sie sie ein bisschen runterbringen, mit Camel und einer verwaschenen hellblauen Jeans, dann schon.

In Ihrer Kollektion dominieren aber die Farben Blau und Rot, beziehungsweise Hellblau und Rosa, wie jetzt überall.

Ich habe jetzt erst erfahren, dass das auch die Pantone-Farben des Jahres sind. Ich arbeite nicht mit Scouts, die so etwas wie die neuen Trends aufspüren. Ich mache einfach, wozu ich Lust habe.

Wenn in der Mode jetzt alles erlaubt ist - womit können Frauen dann noch beeindrucken?

Ich mag sehr gerne den Stil der Siebzigerjahre, am liebsten den All-over-Look. Zum Beispiel von Kopf bis Fuß ganz in Rot. Damals waren die Frauen mutig, das hatte Glamour und Stil. Lässig und edel zugleich.