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Terrarien bis zur Decke:Pflegenotstand auch bei Haustieren

Wohin mit Katze oder Kornnatter, wenn die Besitzer sterben? Experten raten zur Vorsorge

Lange Jahre hatten Seppi und Goyo ein schönes Zuhause. Doch dann starb ihre Besitzerin überraschend, seit März sind die Kater deshalb verwaist. Als "sanfte Buben" preist das Tierheim München nun die beiden im Internet an und sucht für sie "ein ruhiges Zuhause, wo sie verwöhnt und ein wenig verhätschelt werden". Das Schicksal von Seppi und Goyo ist nicht ungewöhnlich, denn längst nicht alle Tierbesitzer sorgen vor für den Fall, dass sie sterben oder ins Pflegeheim kommen. Gerade bei Alleinstehenden finde sich auf die Schnelle oft niemand, der sich um die Tiere kümmern möchte, berichtet der Deutsche Tierschutzbund. Bundesweite Zahlen hat er nicht vorliegen. Doch allein im Tierheim München landeten im vergangenen Jahr 113 Hunde und Katzen sowie 57 Kleintiere, weil die Besitzer starben, in die Klinik oder in eine Pflegeeinrichtung mussten.

Für die Tiere, die aus ihrem Alltag gerissen werden, ist das nicht leicht. "Hunde und Katzen trauern oft", sagt Kristina Berchtold, die Sprecherin des Tierschutzvereins München. Sie seien verstört, ängstlich oder gar traumatisiert. "Manche stellen sogar das Fressen ein, geben sich auf vor lauter Trauer." Alte Menschen kümmerten sich gerne intensiv um ihre Lieblinge. "Da steht das Tier oft im Lebensmittelpunkt, Mensch und Tier haben eine tägliche gemeinsame Routine." Und wenn die wegbricht, wird es schlimm, zumindest bis die Tiere ein neues Zuhause haben.

Hunde, Katzen und Kleintiere haben ganz gute Chancen, vermittelt zu werden. Anders die Tiere, die in der Auffangstation für Reptilien landen. Rund 2500 Exemplare beherbergt der Münchner Verein, zum Teil in den Zweigstellen am Stadtrand, fast die Hälfte im Stadtteil Schwabing, wo sich in engen Räumen Terrarien bis zur Decke stapeln. In den ersten drei Monaten 2021 kamen bereits 130 Tiere hinzu, die nach dem Tod ihres Besitzers niemand wollte.

Stationsleiter Markus Baur und seine Kollegen werden dann schon mal panisch zur Wohnung von Verstorbenen gerufen. "Keiner traut sich rein, weil alle davon ausgehen, dass da schwarze Mambas in der Wohnung sind, auch wenn es nur eine harmlose Kornnatter ist", erzählt der Tierarzt. Auch der Polizei eilten sie schon zu Hilfe, etwa 2013 in Straubing. Ein Mann lag tot zwischen Terrarien. Um ihn herum: Fast 50 Würgeschlangen, manche ausgebrochen. Seine Kollegen hätten stundenlang die Tiere eingesammelt, erinnert sich Bauer. Erst dann habe sich die Polizei um den Toten kümmern können.

Doch plötzlich mal 50 Riesenschlangen oder 20 Schildkröten aufnehmen, das ist für die Reptilienauffangstation nicht ohne, die sich auch über staatliche Zuschüsse und Spenden finanziert. Allein das Futter kostet viel Geld. Und anders als bei Hunden und Katzen lassen sich Reptilien nicht so ohne weiteres vermitteln, auch wenn die Nachfrage nach Haustieren gerade hoch ist. "Die Tiere, die wir haben, sind nicht die, die man sich als Kumpel in der Quarantänezeit holt. Mit einer Schlange oder einem Krokodil ist es weitaus schwerer, sich die Einsamkeit zu vertreiben, als mit einem jungen Hund", meint Baur.

Experten appellieren deshalb an Tierbesitzer vorzusorgen, vor allem bei langlebigen Arten wie Papageien oder Schildkröten. "Wenn ihr Tiere habt, die euch überleben, dann regelt das bitte", fordert Reptilienfachmann Baur. Als vorbildlich beschreibt er eine Münchnerin, die Schildkröten und andere Tiere hatte. Als sie schwer krank wurde, legte sie fest, wer die Tiere übernehmen würde. Und sie stellte ausreichend Geld bereit.

Der Tierschutzbund empfiehlt eine Haustierbetreuungsvollmacht und eine Anleitung mit den Eigenheiten und Futtervorlieben für jedes Tier. Denn oft sind es Kleinigkeiten, die Tieren wie Hunde oder Katzen über die Trauer hinweghelfen: der übliche Futternapf, das gewohnte Leckerli oder die Lieblingskuscheldecke. Kristina Berchtold wäre es noch lieber, die Menschen würden sich schon beim Kauf Gedanken machen: "Welche Lebenserwartung hat das Tier? Und kann ich die abdecken?"

© SZ vom 17.05.2021 / dpa
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