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Tagung:Zwei Lehrkräfte pro Klasse

Katrin Lindner, Sprachwissenschaftlerin am Institut für Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität, untersucht den Spracherwerb von Flüchtlingskindern. Sie fordert Unterricht mit zwei Lehrern und kleine Gruppen.

(Foto: Privat)

Um geflüchtete Kinder besser zu integrieren, fordern Experten mehr Personal

Das deutsch-kanadische Projekt "Integration CAN-D", vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert, bringt Wissenschaftler verschiedener Länder zusammen, um sich über neuere Studien zu geflüchteten Menschen auszutauschen. Eine Woche lang ist das Institut für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität Gastgeber. Die Vorträge führender Wissenschaftler - jeweils von 14 bis 15.30 Uhr - sind öffentlich. Die Organisatoren, neben anderen die Münchner Germanistin Katrin Lindner, erhoffen sich "neue Perspektiven", wie sie eher in Kanada anzutreffen sind: Dort werden Flüchtlinge als "Potenzial für die aufnehmende Gesellschaft" gesehen.

SZ: Frau Lindner, warum ist internationaler Austausch im Bereich der Fluchtforschung so wichtig?

Katrin Lindner: Die Länder sehen sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, gehen aber unterschiedlich damit um und können deswegen voneinander lernen. Kanada als Einwanderungsland zum Beispiel ist viel besser vorbereitet auf Neuankömmlinge als Deutschland, das erst beginnt, sich als Einwanderungsland zu sehen. Die geflüchteten Personen haben gleich bei ihrer Ankunft das Recht, Bürger Kanadas zu werden. Das verändert die Situation sehr. Damit haben sie mehr Sicherheit, sie können arbeiten, bekommen nach kurzer Zeit eine Wohnung. Allerdings sind es nur relativ wenige, vorausgewählte Personen und Familien, denen dieses Recht gewährt wird, und die überhaupt das Land betreten können - anders als in Deutschland.

Was interessiert Sie als Sprachwissenschaftlerin?

Wir beobachten derzeit drei Familien in München und fünf Familien in Toronto. Es ist hochinteressant zu sehen, dass trotz besserer Lernbedingungen in Kanada Kinder sowohl dort als auch hier in Deutschland vergleichbar große Schwierigkeiten etwa mit dem Wortschatzerwerb oder dem Lesen von Wörtern haben. Es lässt sich zeigen, dass unter anderem Probleme in der Konzentration und im Wohlergehen diese Situation erklären können.

Was können speziell deutsche Wissenschaftler von anderen lernen?

Zum Beispiel die Verknüpfung von Praxis und Theorie, die Zusammenarbeit mit Geflüchtetenvertretungen, Behörden und Betreuungspersonen mit Wissenschaftlern, die in Kanada viel stärker ausgeprägt ist. Dort gibt es auch mehr Kooperationen zwischen den Universitäten. Durch eine solche wurde kurzfristig unsere Studie von kanadischer Seite gefördert, was bei uns nicht möglich war.

Wie könnten Erkenntnisse schnell in den Alltag fließen?

Etwa durch Projekte zwischen Wissenschaftlern, Lehrern und Erziehern, in denen neue Wege ausprobiert und gemeinsam evaluiert werden, also durch kooperative Förderung mit Personen aus der Praxis und der Forschung.

Welche Maßnahmen würden den geflüchteten Kindern in der Schule und den zuständigen Lehrern helfen?

Eines der größten Probleme in Deutschland ist der Personalmangel in den Kitas und Schulen. Zwei Lehrkräfte pro Klasse sind dringend erforderlich. Es wäre zu überlegen, ob nicht mehr Lehrende mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrungen einbezogen werden könnten, um eine schnellere Integration zu ermöglichen, wie das in München etwa in der Grundschule an der Cincinattistraße erfolgreich praktiziert wird. Kleinere Gruppen würden den Lehrern helfen, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder besser einzugehen. Mehr Zusammenarbeit in kleinen Gruppen würde aber auch den Kindern helfen, sich besser kennenzulernen und sich wechselseitig zu unterstützen. Das ist ein wichtiger Aspekt, um Mobbing zu verhindern.

Wie steht es mit den Lehrbüchern?

Viele Lehrbücher in der Grund- und Mittelschule sind - etwa aufgrund eines zu komplizierten Satzbaus - auch für deutsche Kinder - kaum zu verstehen. Einige Lehrer haben daher vorgeschlagen, Lehrbücher in zwei Versionen auf den Markt zu bringen, in einer leichteren und einer "üblichen" Version.

Gibt es Erkenntnisse seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015?

Eigentlich haben uns die geflüchteten Kinder auf Probleme aufmerksam gemacht, die wir nicht oder bislang nur unzureichend gelöst haben. Ein wichtiger Punkt betrifft bei den geflüchteten Kindern, aber auch bei den Migrantenkindern, den Erwerb weiterer Fremdsprachen, wie zum Beispiel Englisch. Wir wissen aus der Forschung, dass Fertigkeiten etwa beim Lesen in der einen Sprache die Entwicklung von Fertigkeiten in einer anderen Sprache unterstützen. So könnten etwa Sprachkenntnisse, Lese- und Schreibfertigkeiten im Arabischen oder einer anderen Erstsprache die entsprechenden Fertigkeiten im Deutschen fördern und umgekehrt. Es wäre also sinnvoll, statt einer weiteren Fremdsprache erst einmal die Erstsprache der Kinder zu fördern. Das sind alles Aufgaben, die wir dringend bewältigen müssen. Das sind große Herausforderungen.

"Integration CAN-D", von 9. bis 13. September; Veranstaltungsort: Geschwister Scholl Institut für Politikwissenschaften, Oettingenstraße 67; www.leibniz-bildungspotenziale.de/integration-can-d