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Szene Kolumne:Setzen, bitte!

Auch im Stehen kann man einen sitzen haben, das stimmt. Doch wer die ganze Nacht in einer Bar herumstehen muss, kann sich gleich eine Fangopackung dazubestellen - zumindest ab einem gewissen Alter.

Dass man auch im Stehen einen sitzen haben kann, ist nicht nur ein blödes Wortspiel aus der Gegend um Kalau, das von Leuten vorgebracht wird, die auch "Prostata" rufen, wenn man mit ihnen anstößt, weshalb man generell das Anstoßen wie auch jeglichen anderen Kontakt zu ihnen vermeiden sollte - nein, es ist noch inhaltlich falsch. Denn im Stehen trinkt es sich nicht gut, jedenfalls nicht über längere Zeit.

Stehende Gäste im Feierwerk.

(Foto: Stephan Rumpf)

Leider nimmt die Länge dieser Zeit mit zunehmendem Alter ab, Bandscheiben und so. Und das kann so manchen Samstagabend vermiesen, wenn in Münchner Bars nach 22 Uhr die Sitzgelegenheiten so knapp werden wie bezahlbare Zwei-Zimmer-Wohnungen in der Au. Wer erst noch fröhlich trötet "Ach, ich stehe gern, schließlich sitze ich den ganzen Tag!", wird nach einer halben Stunde merken, was für einen Blödsinn er dahergeredet hat und dass diese Aussage genauso klug ist wie zu sagen: "Ach, ich mache gern beim nächsten München Marathon mit, schließlich bewege ich mich ja sonst nie."

Beim Trinken sollte niemand gezwungen sein, Standhaftigkeit zu beweisen. In manchen Lokalen steht es sich besonders unentspannt. Die Favorit Bar beispielsweise ist die Hölle. Kein einziger Stuhl, kein Tisch, nur diese seltsamen Podeste, bei denen man nicht weiß, ob man sich draufsetzen, dranlehnen, draufstellen oder ob man sie nur als Abstellfläche benutzen soll. Bei jedem Bier dort kann man in Gedanken gleich dreimal Fangopackung dazubestellen.

Die Bars sollten von der Hochkultur lernen. In den Pinakotheken können sich stehschwache Menschen Klapphocker ausleihen, damit sie beim Betrachten des "Stillleben mit Geranien" an Matisse und nicht an Massage denken. Und so kann es kein Zufall sein, dass der Ort, an dem es sich in München am entspanntesten sitzt und trinkt, ausgerechnet in einem Museum ist: die Goldene Bar im Haus der Kunst.