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SZ-Leserbriefe:Als wär' das Ministerium ein CSU-Selbstbedienungsladen

Gott mit dir, du Land der Spezis: Als wäre die Maskenaffäre noch nicht genug, kommt nun auch noch ein dubioser Protektions-Fall ans Licht. Über die Bilderbuch-Karriere einer Sauter-Tochter.

Kerstin SCHREYER, Einzelbild,angeschnittenes Einzelmotiv,Halbfigur,halbe Figur. CSU Vorstandssitzung in der CSU Zentral

Die CSU-Ministerin Kerstin Schreyer hat die erstaunliche Karriere einer Tochter von Parteifreund Alfred Sauter gefördert - und erntet Kritik.

(Foto: Frank Hoermann/Sven Simon via www.imago-images.de)

"Bilderbuch-Karriere einer Sauter-Tochter" vom 10./11. April:

Abstoßendes Beispiel

Es ist einfach widerlich: Was hier an Demokratie-Verständnis bei der Jugend kaputt gemacht wird, die den Staat zunehmend als Selbstbedienungsladen für einige empfinden muss. Peinlich ist das, wenn man den Schülerinnen und Schülern das Zeitungslesen nahebringen will und ununterbrochen auf solche Inhalte stößt. Hier eine Provision von 1,2 Millionen (Vater Sauter), dort eine "Karriere" auf dem Silbertablett (Tochter Sauter), ein Anwachsen der Ressorts aus Gefälligkeitsgründen auf das fast dreifache (Bauministerium) und in der gleichen Ausgabe noch das "Feiern und Lüften"-Fest von Scheuers Staatssekretär Günter, in einer Zeit, in der sich die meisten - auch der Jugendlichen - strikt an die Corona-Regeln halten. Was für Vorbilder! Schämen Sie sich!

Susanne Kundmüller, Nürnberg

Gott mit dir...

...du Land der Spezis. Sie ist wohl eine Ausnahme. Mit diesem Satz endet der Artikel von SZ-Autorin Lisa Schnell, in dem der rasante Aufstieg der Sauter-Tochter zur Referatsleiterin inklusive Verbeamtung innerhalb von drei Jahren beschrieben wird. Man kann der jungen Dame nur gratulieren. Als gewöhnlicher Bürger freut man sich zunächst, dass der Freistaat Bayern über junge, derart überdurchschnittlich qualifizierte Beamtinnen verfügt, die nach Spitzen-Beurteilungen innerhalb von drei Jahren in Referatsleiterstellen aufsteigen, für die Kollegen, ebenfalls mit Spitzen-Beurteilungen bewertet, fünfeinhalb Jahre benötigen. Ob dabei Papa Alfred ein wenig nachgeholfen hat?

Nein, natürlich nicht. Man muss nicht immer gleich Unrat riechen, wenn eine hoffnungsvolle, junge Dame Karriere macht, schon gar nicht in Bayern und, gänzlich abwegig, in einem CSU-Ministerium, in dem im letzten Jahr der Leitungsstab um sieben Referate erweitert wurde. Es liegt doch auf der Hand, dass da händeringend qualifizierte Leute gesucht werden, egal ob sie nun Huber, Müller oder eben Sauter (mit Mädchennamen) heißen. Schließlich müssen die Stellen ja besetzt werden. Ministerpräsident Söder bleibt noch Einiges an Arbeit beim Ausmisten des Spezi-Stalles auf dem Weg hin zur neuen CSU. Josef Geier, Eging am See

Kometenhaft, aber fragwürdig

Das muss man doch verstehen. Als besorgter Vater wird sich Alfred Sauter gefragt haben: "Welche gewinnbringende berufliche Laufbahn könnte meine Tochter einschlagen nach einem Studium der Soziologie und Journalistik? So einfach wird das nicht. Aber da fällt mir ein, ich bin ja im Nebenjob Mitglied im bayerischen Landtag, da muss doch was gehen." Und es geht was! Sauters Tochter bekommt eine bestens dotierte Stelle als persönliche Referentin von Ministerin Kerstin Schreyer im Sozial-, dann im Bauministerium im bayerischen Landtag. In der Beamtenlaufbahn steigt sie kometenhaft auf. Anwalt Zimpel sagt zu dieser Ausnahme-Karriere in der SZ: "Das ist fast gottgleich, nicht viele schaffen das."

Nicht viele? Manche schaffen es eben doch. Das Ganze passt in so manch fragwürdige Vorgänge bei der CSU, und zwar nicht nur in der Vergangenheit, sondern ganz aktuell auch in der Masken-Affäre. Man fragt sich, was eigentlich der bayerische Ministerpräsident von der Personalpolitik im Landtag mitbekommt? Oder weiß er vielleicht gar nicht, dass Sauters Tochter in einem Ministerium beschäftigt ist, und zu welchen Konditionen? Irmtraud Bohn, München

Lauter schwarze Schafe

In den Parteien sind ab einem gewissen Einflussbereich nur schwarze Schafe zu finden, die unter anderem auch ihre Kinder auf Lebenszeit zu versorgen haben. Ein weißes Schaf käme da nie hin, denn sonst hätten seine "Parteifreunde" ja keine Druckmittel. Man stelle sich das vor: Ein weißes Schaf unter lauter schwarzen Schafen. Unmöglich! Änderungen kann also nur der Wähler herbeiführen. Ich hoffe, dass es den Unionsparteien möglichst bald so ergeht wie ihrer Schwesterpartei in Italien. Eines Tages hatten es die Wähler satt, die Democrazia Cristiana verschwand in dem Sumpf, in dem sie sich schon immer aufgehalten hatte. Ferdinand Maier, Passau

Schlanker Staat?

Die Zunahme von 5 auf 13 Referate seit 2020 ist kein Einzelfall in der Politik. Auch der Bundesrechnungshof kritisierte die zunehmende Schaffung von Beamtenstellen für Politiker. Die Bundesregierung verfügt über 260 000 Mitarbeiter. Regelmäßig werden zusätzlich Externe beschäftigt. Mit Digitalisierung und schlankem Staat hat das nichts zu tun. Auch die Aussage des Ministerpräsidenten Söder, dass der Freistaat der größte Arbeitgeber in Bayern ist, sollte Besorgnis auslösen - um die Wertschöpfung. Lydia Wallerer, München

So bringt man die Verwaltung um ihre Möglichkeiten

Es ist hübsch zu lesen, wie die Entwicklung einer jungen Beamtin mit Spezialticket nachgezeichnet wird, aber überraschen kann das nicht. Sollte so jemand sogar tüchtig sein - Glück gehabt. Es ist Alltag in einer öffentlichen Verwaltung, die sich die Parteien längst und auf allen Ebenen unter den Nagel gerissen haben. Das gilt besonders für eine Partei, die seit über einem halben Jahrhundert nicht nur die Regierung stellt,sondern auch die meisten Landräte und sonstigen Mandatsträger in Bayern.

Wer eine ständig wachsende Schar von verdienten oder hoffnungsvollen Protegés zu versorgen hat, braucht viele Posten für Trommler, weniger für Ruderer. Häuptlinge sind gefragt, nicht Arbeitsameisen. Die so viel besungene Digitalisierung bedroht dieses Biotop. Sie bedeutet eine Steigerung der Produktivität: Mit weniger Leuten mehr schaffen. Das ist eine Selbstverständlichkeit in der Wirtschaft, auf der öffentlichen Seite indes völlig unbekannt.

Digitalisierung ist nicht in erster Linie das Arbeiten mit Computern, sondern mit Daten. Aber solange 96 Kreisverwaltungsbehörden auf ihren Datenhäuflein sitzen wie der Gockel auf dem Mist, kann man die Vorteile der Digitalisierung nicht einmal als Silberstreif am Horizont sehen. Wenn man schon ihren Nachteilen nicht entkommt, sollten die Vorteile doch nicht verstolpert werden. Aber das kostet viele schöne Trommlerstellen, und das geht gar nicht. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum der bayerische Landtag über 200 Abgeordnete hat, die zu den bestbezahlten und -versorgten der Welt zählen, obwohl der bayerische Landtag so gut wie keine Gesetzgebungskompetenz mehr hat? Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die bayerische Staatsregierung aus 17 Kabinettsmitgliedern besteht, während die Regierung der Schweiz nur sieben hat, ein Land, das zu den bestorganisierten Staaten der Welt zählt? Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum das Bundesland Bayern 14 Ministerien braucht, ein österreichisches Bundesland aber mit einem Amt der jeweiligen Landesregierung auskommt, und das sehr erfolgreich?

Nicht das Promikind mit Vitamin B ist das Problem, sondern die so bewirkte Degeneration der Strukturen, die uns gerade jetzt in Corona-Zeiten durch deren Versagen deutlich vor Augen geführt wird. Richtige Reform-Ideen? Fehlanzeige. Aber das Wort "Steuererhöhung" war schon zu hören, also mehr gutes Geld dem schlechten nachwerfen. Das wird die Trommler-Aspiranten freuen. Georg Schmid-Drechsler, München

© SZ vom 19.04.2021
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