Studenten-Wettbewerb Frischgezapftes Bier per App

Beim Techfest Munich arbeiten 400 junge Entwickler an relevanten Problemlösungen - aber auch Spaßerfindungen liefern die Studenten

Von Sandra Will

Ein hüfthoher Roboter auf vier Rädern fährt im Hinterhof des Campus in Garching gerade an einem Schwimmbecken vorbei, auf dessen Oberfläche Einhörner schwimmen. Dann verirrt sich der Roboter in ein Kiesbett, aus dem er erst mit Hilfe von zwei jungen Männern wieder herauskommt. Diese programmieren den Roboter darauf, ein Bierfass zu transportieren. Ein frisch gezapftes Helles auf vier Rädern, gesteuert von einer App - ist das die Zukunft?

Zum dritten Mal hat die "UnternehmerTUM", ein Innovationszentrum für Start-ups der Technischen Universität München, das Techfest Munich veranstaltet, das sich vom Hackathon immer mehr zum produktentwickelnden Event steigert. "Wir wollen die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und die Erwartungshaltung ein wenig zurückschrauben, um die Unternehmensgründung zu entmystifizieren", erklärt Max Seeberger, Projekt-Manager des Techfests.

72 Stunden Zeit haben die 400 Teilnehmer aus 40 Ländern, sich einer der elf Aufgaben zu stellen. Die Probleme sind jedoch realistisch, sie stammen von Wirtschaftspartnern. Eine Automobilfirma etwa sucht Lösungen für die Ausstattung eines selbstfahrenden Autos für das Jahr 2025. Das heißt, die Teilnehmer müssen einen vollwertigen Prototypen inklusive Dingen wie Mobile Devices und Voice-Kontrolle programmieren. Die jungen Männer mit dem Bier-Roboter basteln hingegen noch an dem GPS des Prototyps. "Er verfährt sich immer ein wenig, aber das kriegen wir noch hin", sagt Andreas Plieninger. Er tritt mit seinem Start-up Acrai an. Sein Team sieht dieses Wochenende als Fortbildung. "Wir nennen es zwar nicht offiziell so, aber auch wenn wir erst einmal nur Lustiges entwickeln, lernen wir von der Technologie und den Daten, die wir sammeln", sagt er.

Besser als Knöpfe: Mit diesem Handschuh soll später einmal ein Kran gesteuert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Aber birgt dieser Bierspaß nicht vielleicht die Gefahr der Unproduktivität in sich? Es gebe immer ein paar Leute, die das Event mehr als Festival sähen, sagt Projekt-Manager Seeberger. Das trage aber zur Stimmung bei und helfe anderen wiederum, in einem entspannten Umfeld zu arbeiten. So sieht es dann auch sehr konzentriert im Halbschatten auf den Bierbänken aus, wo sich Teilnehmer mit ihren Laptops aneinanderreihen.

Im MakerSpace, einer High-Tech-Werkstatt auf mehr als 1500 Quadratmetern, geht es am Samstagnachmittag auch sehr rege zu. Die Teams bestehen aus zwei bis fünf Menschen, unter ihnen Programmierer, Entwickler, Designer und Businessleute. Zum Großteil kommen sie aus München und Umgebung und befinden sich am Ende ihres Studiums. Aber auch Absolventen mit Job nehmen sich für das Techfest Zeit. Als Neuerung dieses Jahr ließ man nicht nur "Techies" zu, also Elektrotechniker und Programmierer, sondern wählte gemeinsam mit der Stadt München 15 Künstler zur Bereicherung aus. "Wir wollten Welten aufeinanderprallen lassen, denn so entstehen radikal neue Ideen", sagt Seeberger.

Neben den vorgegebenen Aufgaben gibt es auch einen sogenannte Flexible Track, bei dem unter anderem ein Chemieunternehmen seine Technologie zur Verfügung stellt und die Teams an einer Idee ihrer Wahl arbeiten können. Luca Setili, 25, entwickelt mit drei Teamkollegen eine Art Pflaster aus Silikon mit eingebauten Sensoren. Mentoren des Chemieunternehmens helfen ihnen dabei, die richtige Silikonmischung zu finden. "Unsere Vorgabe war das Silikon, das wir mit Magneten und Kohlenstoff vereint haben, um einen flexiblen Touchscreen zu entwickeln. Wir fragen uns jetzt, für wen programmieren wir es", sagt Luca Setili. Möglich wäre, dass man durch Wischen auf dem bakterienfreien Pflaster zum nächsten Lied einer Playlist springt oder damit eine Actionkamera steuert, die zum Beispiel an einem Helm befestigt nur schwer zu bedienen ist.

Drei Tage hatten Studenten Zeit für neue Erfindungen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Sonntag stellen dann die rund 80 Teams ihre Ideen in drei Minuten vor und werden von den Partnerunternehmen ausgewählt. Im Final-Pitch aller Challenge-Gewinner geht es dann um den endgültigen Sieg. Dieser beinhaltet neben dem Preisgeld ein intensives Coaching und eine Einladung zu dem Start-up-Event "Splash" in Helsinki. Dort kann sich das Gewinnerteam Wobbletouch präsentieren - also Luca Setili und seine Kollegen, die flexible Touchscreens auf hauchdünner Silikonfolie entwickelten.

Im kommenden Jahr soll dann auch das Kriterium mit eingebunden werden, dass Neuerungen positive Auswirkungen haben müssen. Schon jetzt gibt es Ideen für soziale Innovationen. Der Informatikstudent Fabio Rinaldi, 22, entwickelt ein Programm, bei dem der Bürger für die Stadt aktiv werden kann. Zum Beispiel kann er in einem öffentlichen Park den Rasen mähen und wird je nach Arbeitspensum dafür mit einem Busticket oder ähnlichem belohnt. Gerade eben wartet Rinaldi auf seinen Teamkollegen, denn der sucht noch Erholung beim angebotenen Yoga.