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Streit um die Münchner Tagestouristen:Invasionen in Stadt und Land - und eine unfaire Debatte

SZ-Leser halten Aussperrungen für diskriminierend und fordern ein faires Miteinander. Es gebe ja auch Belastungen aus der Gegenrichtung

Alpen-Idyll - aber nicht mehr für alle Menschen? SZ-Leser kritisieren den Streit über Münchner Tagestouristen als einseitig und schädlich.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

"Raus hier!" vom 9./10. Januar und die Debatte über die Tagestou risten aus München im Voralpenland:

Warum "Stoderer" beleidigen?

Bevor nun die gesamte Landbevölkerung zu flennen anfängt, sollte sie sich vielleicht mal an die eigene Nase fassen. Denn schließlich ist sie es zu einem beträchtlichen Teil, die mit staatlicher Pendlerunterstützung verhasste Städte wie München zustinkt und verstopft. Und das nicht nur gelegentlich (wie der Ausflügler), sondern in den Vor-Coronazeiten täglich. Nur weil dieser Verkehrsirrsinn (im Gegensatz zum Ausflugsverkehr) keine Zeitungsmeldung mehr wert ist, ist er nicht weg. Nur therapeutisch betreut von den Verkehrsfunkkaspern von Bayern 1 und anderen mit der "besten" Musik - aber das wäre jetzt eine andere Geschichte. Jaja, wir wissen alle, was jetzt kommt: Geht ja nicht anders, wegen Arbeitsplatz und hohen Mieten in München und schlechtem ÖPNV und blablabla. Das kann ja jeder selbst entscheiden, sollte dann aber bitte nicht rumheulen und den "Stoderer" (Stadtbewohner; d. Red.) pauschal beleidigen. Auch wenn ich es momentan nicht tue: Nach Corona werde ich keine Skrupel haben, die ländliche Pendler-Idylle durch einen gelegentlichen Ausflug zu stören (um unter anderem meine Kohle dort zu lassen). Jörg Kunzemann, München

Populistische Doppelmoral

Nicht nur die Bewohner*innen des Oberlandes regen sich über die Münchner*innen auf. Im Artikel wurde überwiegend die Sicht des Oberlandes dargestellt. Ich glaube aber, dass Oberland und München nur gemeinsam "funktionieren". Bad Wiessee, Starnberg, Schliersee & Co. wären nicht attraktiver als Oberstdorf oder Füssen, wenn sie nicht in unmittelbarer Nähe der Großstadt wären.

Dieselben Leute, die fünf Tage die Woche mit der S-Bahn oder dem Auto in die Stadt zum Arbeiten fahren oder ganz selbstverständlich die Infrastruktur wie Krankenhäuser, Universitäten oder Kultureinrichtungen nutzen, regen sich am Wochenende auf, wenn "Stoderer" ihre Wohlstandsgrundstücke bedrängen, die sie mit ihrem Einkommen aus dem Speckgürtel finanziert haben - und kassieren die Ausflügler nebenbei noch ganz gut ab. Und bei ihren Touristen werben sie mit dem Tierpark, der Residenz oder den Museen.

Es ist Doppelmoral und Populismus, wenn Landräte oder Bürgermeister im Krankenhaus die völlig irrationale "mögliche Gefahr einer Überlastung" durch Unmengen verletzter Ausflügler heraufbeschwören und jeden Problemfall in die Unikliniken nach München abschieben. Das ist ein Mittelding aus Floriansprinzip ("verschon mein Haus, zünd' andere an") und "wasch mich, aber mach mich nicht nass". Peter Onderscheka, München

Gefährliche Diskriminierung

Ich bin betrübt und besorgt über die räumliche Kleinteiligkeit, auf der sich nun offenbar das Denken einiger Bürger*innen und der Politik abspielt. Jede und jeder in einer Kommune in Bayern darf selbstverständlich erwarten, dass auch Gäste sich an geltende Regeln halten; also nicht an unerlaubten Stellen parken, keine Abfälle in den Wald werfen, et cetera. Auch stimmt es, dass es an bestimmten Orten irgendwann einfach zu voll sein kann. Dann muss eben - bitte klug und angemessen - reguliert werden. Aber ein pauschales räumliches Aussperren von "Münchnern" oder anderen "Ortsfremden", weil es einem gerade in den Kram passt und weil man lieber privilegiert die Vorteile geringer Dichten genießen will, empfinde ich als ziemlich gefährlich für die Stimmung im Freistaat.

Wer ist denn eigentlich mit den "Münchnern" gemeint? Personen, die in einem Auto mit Kennzeichen M unterwegs sind? Darf man noch über die Kreisgrenze joggen oder mit dem Rad kommen? Was ist mit jemand aus einer ländlichen Gemeinde bei Rosenheim, der seinem kleinen Kind gern am Alpenrand im Nachbarlandkreis das Schlittenfahren zeigen will? Ist der/die noch willkommen? Ich habe in der Stadt und auf dem Land gewohnt. Als derzeitiger Stadtbewohner könnte ich auch genervt sein von den auffallend vielen großen SUVs mit Kennzeichen RO, MB, WOR, TÖL und so weiter, die bequem und ohne Maut bis in die Münchner Innenstadt reinfahren. Sei es für die Arbeit, aber vermutlich bald wieder auch für Geschäfte, Kultur und Fußballspiele. Dieses Mobilitätsverhalten trägt zum Stau in der Stadt bei, führt zum Überschreiten der Grenzwerte bei Luftschadstoffen und damit statistisch signifikant zum verfrühten Tod der Stadtbevölkerung. Ich könnte mich auch beschweren über den durch diese Autos in der Stadt weggenommenen kostbaren Platz, den Radfahrer und Fußgänger viel dringender benötigen, um sich sicher und umweltfreundlich bewegen zu können.

So etwas wie das Schild am Ortseingang von Miesbach ("bleibt's dahoam wos hi gherts") ist für mich gefährliche Diskriminierung nach Herkunft und ich hoffe, die Landkreispolitiker distanzieren sich klar davon. Von der Staatsregierung erwarte ich, dass sie das Land zusammenhält. Ohne räumliche Solidarität, Kohäsion und ein Mindestmaß an gegenseitigem Verständnis wird die Pandemie für alle noch schwieriger auszuhalten sein. Viktor Goebel, München

Statt öffentlich zu stänkern lieber gelassen bleiben

Knapp 400 000 Menschen pendeln in normalen (das heißt: Nicht-Corona-)Zeiten Tag für Tag aus dem Umland nach München. Neben der Arbeit ziehen Bildung, Kultur, Unterhaltung und medizinische Behandlungen viele Leute in die Stadt. Das bedeutet Stau an fünf Tagen in der Woche. Die Bewohner der Stadt ertragen das stoisch und wissen, dass sie nicht zu jeder Zeit mit dem Auto "schnell irgendwo hinfahren" können.

Am Wochenende dreht sich der Besucherstrom um, und "die Münchner" fahren in die Berge, aber auch nur an Wochenenden mit gutem Wetter. Der Spitzingsee beispielsweise ist schon lange ein Brennpunkt, insbesondere in den Weihnachtsferien. Deshalb gibt es dort auch eine große Tafel, die freie Parkplätze anzeigt. Momentan ist sie allerdings nicht in Betrieb (?). Öffentliche Toiletten gibt es dort (Kurvenlift, Taubensteinbahn) auch nicht.

Es geht auch anders, wie Fischbachau (Birkenstein) oder Bad Wiessee (Söllbachtal) zeigen: Dort verfügen Parkplätze über Toiletten. An einem der vergangenen Samstage, am Vormittag, war die Zahl der Besucher am Spitzingsee erträglich. Knapp jedes zweite Auto auf dem Parkplatz trug das Kennzeichen "M". Bei der anderen knappen Hälfte war ein "MB" und vor allem ein "RO" zu lesen. Hinter dem Kennzeichen "M" stehen aber rund 1,8 Millionen Menschen. Bei "RO" und "MB" zusammengerechnet nur rund 360 000. Damit sind die Einheimischen dort fünffach überrepräsentiert. Mit dem "Münchner" wird daher ein Popanz aufgebaut.

Wahr ist auch, dass die Ortsdurchfahrt in Miesbach bereits während der Woche nervig ist, dazu braucht's gar keine "Münchner". Corona verschärft natürlich die Situation, weil die Wintersportziele in Österreich und Italien nicht erreichbar sind. Klar, das nervt, aber gewünscht hat sich das keiner, und es wird vorbeigehen. Etwas Geduld und Gelassenheit würden uns allen gut stehen.

Wenig hilfreich ist es jedoch, wenn Bürgermeister und Landräte öffentlich stänkern. Schnell findet sich dann ein Holzkopf, der ein blödes Schild aufstellt. Johann Koloczek, München

© SZ vom 25.01.2021
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