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Straßenstrich in Steinhausen:Im Schatten des Turms

Wenn im SZ-Hochhaus langsam die Lichter ausgehen, beginnt das Geschäft auf dem Straßenstrich dahinter.

Aus dem Van strömt ein undefinierbarer Geruch. Nach Alkohol. Oder Desinfektionsmittel. Scharf und unangenehm. München-Steinhausen, Zamdorfer Straße, weit nach Einbruch der Dunkelheit. Hier ist er also, der Minutenhimmel mancher Männer: Eine rote Decke im Fond eines abgedunkelten Vans, darauf zwei flache, abgewetzte Kissen und Moni, die nicht Moni heißt und auch schon älter als die angegebenen 39 Jahre ist. Moni und ihre Kolleginnen sind unsere neuen Nachbarn. Ihr Arbeitsplatz ist die Zamdorfer Straße, aber nur im Schatten der Nacht. Sie bieten Sex vor den Toren der City mit Blick auf den SV-Riesen. Prostituierte auf dem Straßenstrich. "Aber die guten Zeiten", sagt Moni, "sind längst vorbei."

Das lange Warten auf den nächsten Freier: Straßenstrich auf der Zamdorfer Straße

(Foto: Foto: Robert Haas)

Vorbei an der letzten Tankstelle vor der Autobahn, vor dem Fahrer liegt die A94, stadtauswärts. Die Herren, die nicht gekommen sind, um auf der Autobahn Gas zu geben, schwenken hier nach rechts auf die parallel verlaufende Zamdorfer Straße. Kahle Bäume, große Firmenquader mit verriegelten Zufahrten, Zäunen und Absperrgittern. Der grauhaarige Mann im dunklen Mercedes, der gerade im Schritttempo die Zamdorfer entlangkriecht, ist sicher nicht auf dem Weg ins SV-Hochhaus, das am Ende der Straße emporragt. Er stiert auf die Firmenzufahrten.

Hier parken Moni, Chantal, Cassandra. Mit dem Heck zum Zaun, Blickrichtung Straße, ein rotes Licht am Rückspiegel hängend oder das Fenster geöffnet, um den Blick auf das üppige Dekolleté freizulegen. Kurz streift ein Lichtkegel über das Gesicht des Freiers, er dreht den Kopf weg, um ein paar Meter weiter zwischen zwei Lkw einzuparken.

"Die Leute, die hierherkommen, wollen nicht gesehen werden"

"Im Wagen oder im Zimmer", sagt Moni. "Aber Zimmer kostet mehr." Sie wartet im Van. Und telefoniert. Noch zugeknöpft, mit blondem Pferdeschwanz, Jeans und einem blauen Tuch um den Hals. Noch ist es nicht 22 Uhr, erst dann dürfen die Prostituierten an der Zamdorfer Straße ihrer Beschäftigung nachgehen. Jeden Tag parkt Moni hier. Freier, die mehr wollen, nimmt sie mit in ein Zimmer in einen Club. "Die Leute, die hierherkommen, wollen nicht gesehen werden", sagt sie. Meist besser verdienende Typen, die im Gewerbegebiet arbeiten und auf dem Heimweg "einen Quickie wollen" - auf die Schnelle. Für Moni Routinearbeit. "Wie eine Krankenschwester, die einen wäscht, die muss auch alles anfassen." Man müsse nur ein bisschen Theater spielen können: "Die bereite ich kopfmäßig so vor, dass alles in fünf Minuten vorbei ist."

Vorbei ist auch die Zeit, als am Zamdorfer Strich noch richtig was los war. Die Mädels standen in Scharen, "man hat sie und ihre Luden, also die Zuhälter, gekannt, das Verhältnis war gut", sagt ein Polizist, der die Szene kennt. Heute, meint er, sei das ganze Rotlichtgeschäft kaputt. Auf der Zamdorfer sind nur ein halbes Dutzend meist älterer Frauen übriggeblieben, die ihre Stammkunden bedienen. Laufkundschaft gebe es kaum. Hier können und wollen die Prostituierten nicht mithalten mit den Dumpingpreisen der Kolleginnen. Aber auch bei den Freiern von der Zamdorfer sitzt das Geld nicht mehr so locker, "die Wirtschaftskrise", meint Chantal. "Und es gibt Frauen aus dem Osten, die machen's ohne Gummi und uns die Preise kaputt", sagt Moni. Was der "Stich" oder die "Handentspannung" kostet, sagt sie nicht.

Vor etwa 20 Jahren lernte Moni in der Disco ein Mädchen kennen, "die hatte immer so tolle Klamotten an". Und ein Appartement in Landshut. Moni, damals Schülerin und 19 Jahre alt, sah sich die Sache mal an - und blieb dabei. "Richtig gut verdient" hatte sie damals. Es gab Zeiten mit einem Haus in Spanien und einem Maserati vor der Garage. Ans Sparen dachte sie nicht. Und heute? "Heut' gibt es Tage, da fahr ich mit 50 Euro Umsatz heim."

"Der Strich ist zu nahe am Hochhaus"

"Reich wird ma gwiss ned", bestätigt Cassandra, blond, langmähnig, jenseits der 40. Sie hockt im vorderen Bereich der Zamdorfer Straße, am Beifahrersitz eine Thermoskanne, auf dem Schoss ein Buch, "Drachenglanz", Teil vier. Seit 15 Jahren ist sie im Geschäft, "ein Job, wie Brötchenverkaufen". Sie arbeitet wie die anderen ohne Zuhälter, in Eigenregie. "In manchen Monaten muss ich ziemlich rumknapsen." Auch Chantal jammert über das "schleichend schlechter werdende Geschäft". Neue Kunden durch den SZ-Umzug? "Glaub ich nicht", sagt sie lakonisch. "Der Strich ist zu nahe am Hochhaus. Da fahren Kollegen vorbei..."

Vorbei an dem Harley-Laden, die Zamdorfer weiter, bis sich an der Kreuzung zur Hultschiner der Blick auf das Hochhaus öffnet. Die oberen Stockwerke sind in Nachtnebel gehüllt, in den unteren Etagen leuchtet sogar nachts die schrille Kantinenwand hinaus auf die dunkle Straße. Über die Kreuzung drüber, im hinteren Teil der Zamdorfer Straße, steht Moni mit ihrem Van. "Naja, die Jüngsten sind wir nicht mehr", sinniert sie. Irgendwann will sie ihr Fachabitur in Sozialwesen nutzen und "noch was anderes mit meinem Leben machen". Ob ich ihr eine SZ mit dem Artikel vorbeibringe? Klar, Moni, machen wir, unter Nachbarn.