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Neues Zentrum für pflegebedürftige Menschen:Mit Tablets und Kino gegen die Einsamkeit

Der Seefelder Seniorenstift-Betreiber Ulf Walliczek setzt auch neue Medien ein, um die Alltagskompetenz der Heimbewohner zu stärken. Auf einem 4500 Quadratmeter großen Grundstück plant er einen Neubau mit drei Wohngruppen und einer Tagespflege

Wenn die Bewohner des Seniorenstifts Pilsensee "Die Feuerzangenbowle" oder "Charleys Tante" mit Heinz Rühmann sehen wollen, müssen sie das Haus nicht verlassen. Sie gehen einfach in den Kinoraum, nehmen sich eine Tüte Popcorn und schauen Filme an, die sie an ihre Jugend erinnern. Sie können aber auch im hellen, freundlichen Aufenthaltsraum frisch gebackene Waffeln essen. Sie können singen, tanzen, gemeinsam kochen, malen oder basteln. Und manchmal können sie im Wintergarten auch einen Esel streicheln.

Nancy Hanisch versucht, den Bewohnern den Umgang mit neuen Medien nahe zu bringen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Ulf Walliczek will weg von dem immer noch schlechten Image von Altenheimen. Er mag auch das Wort Altenheim nicht, darum heißt das Haus in Seefeld, dem er als Geschäftsführer der Seniorenstift Pilsensee Betriebs-GmbH vorsteht, auch Seniorenstift. 1985 hat sein Vater das Haus eröffnet, zwischendurch war es verpachtet, doch jetzt hat die Familie Walliczek wieder das Sagen - und große Pläne. Nicht nur das bestehende Gebäude an der Anton-Ettmayer-Straße wurde und wird weiter modernisiert. Ein paar Meter weiter, auf einer großen Wiese, wird bald ein zweites Haus entstehen, um den Mix aus fitten, pflegebedürftigen und demenzkranken Bewohnern besser strukturieren und den alten Menschen den Aufenthalt angenehmer gestalten zu können, sagt Walliczek.

Seniorenstift-Geschäftsführer Ulf Walliczek.

(Foto: Arlet Ulfers)

Im alten Gebäude sollen künftig die Bewohner stationär betreut werden, die medizinisch versorgt werden müssen. Im Neubau sind drei Wohngruppen geplant: eine für Demenzkranke und eine, in der die Alltagskompetenz gestärkt wird, denn "wenn sich die alten Menschen nur noch bedienen lassen, führt das zur Vergreisung", sagt Walliczek. Die dritte schließlich ist für Ehepaare vorgesehen. Auf dem 4500 Quadratmeter großen Grundstück, das die GmbH Ende vergangenen Jahres gekauft hat, wird es außerdem eine Tagespflege geben, "denn davon haben wir viel zu wenig Plätze im westlichen Landkreis". Rund um den Neubau ist viel Grün vorgesehen, Bänke, ein Garten der Erinnerung und der Sinne, Blickbeziehungen zum benachbarten Kindergarten, zur Schule und zu den künftigen Genossenschaftswohnungen, die ebenfalls dort gebaut werden.

Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Lucinne Dupke beim Zusammenstellen der Medikamente.

(Foto: Arlet Ulfers)

Walliczek zur Seite stehen Pflegedienstleiterin Marion Krüger, deren Stellvertreterin Lucienne Dupke und Nancy Hanisch, die Einrichtungsleiterin. Und die etwa 40 Mitarbeiter des Seniorenstifts, "ein stabiles Team", sagt der 48-jährige Immobilienökonom. Es gebe wenig Wechsel in der Belegschaft, aber natürlich suchen auch die Seefelder, wie alle sozialen Einrichtungen, neue Mitarbeiter.

Vor allem im Hinblick auf den Neubau. Dort sind bis zu 43 Plätze vorgesehen plus 20 Tagespflegeplätze. Im Altbau gibt es 21 Einzel- und 20 Doppelzimmer. Was dem Seniorenstift Pilsensee zugute kommt: "Von September an können wir wieder ausbilden", sagt Nancy Hanisch.

Eigentlich müsste sich die Politik bewegen, meint Walliczek, mehr Geld für die Betreuung alter Menschen zu Verfügung stellen und dem Beruf des Altenpflegers mehr Anerkennung verschaffen. "Die Anforderungen an das Pflegepersonal sind sehr hoch", weiß er. Aber auf die Politik warten und ausruhen kommt für ihn nicht in Frage. Um die Senioren wirklich gut und individuell betreuen zu können, braucht es mehr als gutes Personal. Zum Beispiel betreiben die Seefelder "Historienarbeit", erläutert Hanisch. Per Fragebogen werden das Vorleben, die Vorlieben und Abneigungen der Bewohner ermittelt. Sie werden mit neuen Medien vertraut gemacht wie Tablets oder der Memory-Box, eine Videospiel-Plattform, mit der die alten Menschen per Körperbewegung kegeln, Bogenschießen oder Motorradfahren können. Einmal pro Woche kommt die Wörthseerin Christiane Hege ins Haus und macht mit den Senioren Heileurythmie, eine spezielle Art von Bewegungstherapie.

Der Seefelder Gemeinderat hat den Plänen für ein zweites Seniorenstift jüngst zugestimmt. Baubeginn könnte im Frühjahr 2019 sein, Bezug im Spätsommer 2020. Für Ulf Walliczek hat das Leben in einem modernen Altenheim nichts mehr mit Abschieben zu tun. Für ihn ist es das beste Mittel gegen die Vereinsamung zu Hause oder das Ruhigstellen mit Tabletten. Die Menschen werden immer älter, darum ist die Seniorenbetreuung für ihn ein echtes Zukunftsprojekt.

© SZ vom 07.04.2018

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