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Mitten in Wörthsee:Korbiniansapfel auf Abwegen

In der Nacht hat ein Unbekannter die 40 Apfelbäume auf der Streuobstwiese beim Walchstadter Friedhof komplett abgeerntet. Obwohl jeder Wörthseen sich dort nur Äpfel für den Eigenverbrauch holen darf

Die Gesellschaft ist erlaucht. Prinz Albrecht von Preußen ist da, der Englische Prinz, der Freiherr von Trautenberg, Fürst Bismarck und sogar Kaiser Wilhelm gibt sich die Ehre. Frauen haben es eher schwer in dieser Runde. Prinzessin Luise ist aufgeregt, sie hat ganz rote Bäckchen. Sie ist auch ein Sensibelchen, ziemlich druckempfindlich, ihr Fleisch fast weiß, aber sehr aromatisch. Kaiser Wilhelm ist ganz das Gegenteil: alt, robust, sturmfest. Die Rede ist natürlich von Äpfeln, es gibt Tausende Sorten. Eine der besonderen Art ist der KZ-3. Der katholische Pfarrer Korbinian Aigner aus dem Landkreis Erding hat ihn im Konzentrationslager Dachau gezüchtet, wo er wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz interniert war. Vier Sorten konnte Aigner züchten, die er lakonisch KZ-1 bis 4 taufte. Den Todesmarsch Tausender Häftlinge Ende April 1945 überlebte er. In Aufkirchen konnte er fliehen und versteckte sich im dortigen Kloster hoch über dem Starnberger See. Von den vier Apfelsorten ist nur der KZ-3 geblieben, der heute Korbiniansapfel genannt wird.

Pro Jahr isst jeder Deutsche etwa 21 Kilogramm des Kernobstes. Auch die Wörthseer lieben Äpfel, einer offensichtlich ganz besonders. Denn seit drei Jahren sind die 40 Bäume auf der Streuobstwiese des Obst- und Gartenbauvereins über Nacht abgeerntet, auch die unreifen Früchte. Das ist genau genommen nicht strafbar, denn die Obstbäume - darunter Korbiniansäpfel und Prinz Albrecht von Preußen - wurden 2006 auf der Wiese beim Walchstadter Friedhof für die Wörthseer gepflanzt. Jeder kann sich bedienen, für den Eigenverbrauch und nur in kleinen Mengen, steht auf dem Schild an der Wiese. Also entweder kann der Apfeldieb nicht lesen oder Kilogramm nicht von Tonnen unterscheiden. Franz Schlechter, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins, ist jedenfalls sauer über so viel Unverfrorenheit und erwartet zumindest eine Spende des Unbekannten. Und zwar mehr als einen Apfel und ein Ei.