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Mitten in der Region:Tickets lösen keine Probleme

Es handelt sich dabei nämlich nicht immer um Eintrittskarten. Manchmal folgen sie auch auf Unheil

Glosse von Alexander Kappen

Endlich gibt es sie wieder. Eintrittskarten. Tickets. Im ursprünglichen, im wahren Sinne. So, wie das früher einmal war. Dank konstant niedriger Corona-Infektionszahlen sind im Landkreis wieder Kultur- und Sportveranstaltungen erlaubt. Mit richtigen Zuschauern. Welchen, die wahrhaftig mit Fleisch und Blut direkt am Ort des Geschehens sind und nicht daheim auf ihr Display starren und über blecherne Laptop-Boxen mitanhören, wie sich die Künstler der fiktiven Kinder-Sing- und Tanzschule "Pumuckl & Friends" beim improvisierten Online-Konzert an ihren Instrumenten abmühen.

Künstler und Sportler dürfen nun wieder live vor Präsenzpublikum performen. Für alle ausgehungerten Fans, die eine Eintrittskarte ergattern, hat das Wort Ticket plötzlich wieder eine positive Konnotation. Es heißt immer öfter: "Oh yeah! Ich habe ein Ticket!" Und das in einer Welt, in der es sonst oft heißt: "Auweia! Ich habe ein Ticket!"

Wo man früher, wenn man etwa ein technisches Problem hatte, die Nummer der Service-Hotline wählte und mit der netten Dame oder dem freundlichen Herrn am anderen Ende der Leitung so lange von Experte zu Laie (potenziell lernwillig, aber notorisch überfordert) plauderte, bis wieder alles im grünen Bereich war, bekommt man heutzutage: ein Ticket. Das ist praktisch, weil - wenn so ein Ticket erst einmal im System angelegt ist - jeder Experte darauf zugreifen kann. Jeder sieht, was das Problem ist - und kann es an jeden Kollegen weiterreichen. Bis so ein Ticket dann wieder gelöscht wird, sprich: das Problem gelöst ist, hat man es gerne mal mit vier bis fünf verschiedenen Spezialisten mit neun bis zehn unterschiedlichen Lösungsansätzen zu tun. Zwischenzeitlich überlegt man da schon, ob man das Ticket nicht wieder loswerden könnte, indem man es einfach am Schwarzmarkt verkauft.

Tickets sind übrigens auch ein probates Mittel, um lästige Mieter ruhigzustellen. Wenden sich diese etwa an die Hausverwaltung, weil ein Mitarbeiter des Stromanbieters festgestellt hat, die Elektroinstallation im Haus sei potenziell gefährlich, dann gibt es dafür: ein Ticket. Das liegt gelegentlich acht Monate im System herum, ohne dass was passiert. Möglicherweise kommen noch weitere vier dazu. Wahrscheinlich ist es ein Jahresticket.

© SZ vom 15.06.2021
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