Mitten in der Region:Königs Watschn und Kaisers Backe

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Im Fußball wäre vieles anders gelaufen, hätte Franz Beckenbauer keine Ohrfeige kassiert.

Glosse von Michael Morosow

Als Fußbälle noch aus Leder, Torbalken aus Holz und nicht die Roten, sondern die Blauen in München und Umland tonangebend waren, da ereignete sich im April 1958 bei einem Jugendfußballturnier in Neubiberg ein folgenschwerer Zwischenfall: Die Schülermannschaft des damals großen TSV 1860 München spielte gegen den SC 1906 aus Obergiesing, der einen auffallend feingliedrig und elegant kickenden Jungstar in seinen Reihen hatte, den hochbegnadeten Franzl, einen bekennenden Löwen-Fan - bis zu diesem Tag.

Als der Löwenverteidiger Gerhard König während des Spiels diesem Franzl eine rustikale Ohrfeige verabreichte, konnte er nicht wissen, dass das gegnerische Watschngesicht einem angehenden Weltfußballer gehörte, dem später zur Lichtgestalt erhobenen Franz Beckenbauer. In jedem Fall hat er mit einem Schlag den Sechzigern die Chance verbaut, mit dem Ausnahmefußballer selbst zu höheren Weihen zu kommen, denn der zwölfjährige Franz wechselte danach stinkwütend nicht wie geplant zur Jugend der Löwen, sondern zum FC Bayern, einem damals besseren Provinzklub. Dass heute die Roten der Stern des Südens sind und die Blauen nur noch ein schmaler Kondensstreifen am Fußballhimmel, das hängt sicher auch mit Königs Watschn gegen Kaisers Backe zusammen.

In Euro lässt sich der wirtschaftliche Nachteil dieser Entscheidung für die Sechziger kaum bemessen. Für den Franz bekamen sie vor 64 Jahren nicht einmal eine Wurstsemmel. In der Fußballneuzeit werden immer noch Watschn ausgeteilt, aber ein Vereinswechsel eines Ausnahmetalents zum Nulltarif ist nicht mehr denkbar. Talent-Scouts spähen die Nachwuchsszene aus, Spielervermittler klopfen mit unterschriftsreifen Verträgen beim Provinzverein und bei den Eltern des Genies an wie im Fall Lionel Messi, der als 14-Jähriger nach einem Probetraining beim FC Barcelona den Vertrag auf einer Serviette unterschrieb. Vielversprechende Spieler zählen zum Kapital eines Vereins, das hat Manfred Schwabl, Präsident der Spielvereinigung Unterhaching, erkannt: "Unser Investor ist kein Scheich und kein Oligarch, sondern das eigene Nachwuchsleistungszentrum."

Im Idealfall wachsen die Begabten zu Spielern heran, deren Verkauf viel Geld in die Vereinskasse spült. In Unterhaching freut man sich jetzt über zwei Idealfälle und damit auf über einen Haufen Geld. Zwei Millionen Euro brachte der Verkauf von Eigengewächs Nico Mantl, drei Millionen Euro Ablöse bekam die SpVgg für Karim Adeyemi von Red Bull Salzburg, und wenn der Kicker nach Dortmund wechselt, kassieren die Unterhachinger mindestens weitere sieben Millionen. Als nächstes übernimmt die SpVgg das Stadion, daneben baut sie ein Bürogebäude. Irgendwann wird der Klub so reich sein, dass er es sich leisten kann, seine Talente zu behalten. Und wenn bei einem der Watschenbaum umfällt, dann kann dies auch ein gutes Omen sein.

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