Mitten in den Bergen:Mit Turnschuhen im hohen Schnee

Der Unterschied zwischen Wandern und Bergsteigen ist doch beträchtlich

Glosse von JULIA PUTZGER

Der Berg ruft - und er ruft viele. Wochenende um Wochenende wälzen sich die Automassen aus dem Großraum München gen Süden, suchen die freizeithungrigen Flachländer in den Bergen Erholung. Dabei lassen die Touristen jedoch nicht nur ihren Alltagsstress zu Hause, sondern leider nicht selten auch jeglichen Verstand. Kein Wunder also, dass die Bergrettung in diesen Tagen eher nicht zur Ruhe kommt. So waren die Einsatzkräfte vergangene Woche etwa gefordert, um ein junges Pärchen aus der Region aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Im hüfthohen Schnee waren die beiden mit Turnschuhen auf dem Weg zur Zugspitze, bis 15 Bergretter den völlig unterkühlten Wanderern schließlich in einer aufwendigen Aktion zu Hilfe eilen mussten.

Nun könnte man sagen: Das war alles ein großes Missverständnis. Denn was unter Wandern verstanden wird, ist nicht nur Frage der sportlichen Motivation, sondern vor allem der geografischen Prägung. Wer gern zu Fuß in deutschen Mittelgebirgen unterwegs ist, weiß hügelige Landschaft zu schätzen - immerhin gilt eine Erhebung in der Regel bereits ab zehn Metern Wandhöhe als Gipfel. Wer dahingegen lieber in den Alpen in schwindelerregenden Höhen auf felsige Gipfel kraxelt oder zumindest einige Meter Höhenunterschied vom Tal herauf überwindet, um auf der Alm dem Geläut der Kuhglocken zu lauschen, kann über derlei Verständnis von Wandern nur den Kopf schütteln. Wandern, dazu braucht man doch echte Berge und Anstiege!

Aber: Genau genommen bezeichnet Wandern lediglich das Zurücklegen eines längeren Weges zu Fuß, während Gipfel und Höhenmeter erst beim Bergsteigen eine Rolle spielen. Doch auch wer von diesen sprachlichen Feinheiten nichts hält, muss nicht mit Turnschuhen im Schnee stecken bleiben. Denn selbst im Alpenvorland werden Bergschuhe verkauft, die, so der Name sagt, eben für die Besteigung echter Berge gemacht sind.

© SZ vom 17.09.2021
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